Deutschland

Polnische Versager heimatlos

Berlin  (n-ost) - Abschied nehmen ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Bei den polnischen Versagern dauert er Wochen, sie zelebrieren ihren Abschied. "Koniec bliski" - "das Ende naht" steht auf dem Schaufenster des Clubs der polnischen Versager in Berlin-Mitte.Die letzten Tage hatte der Kulturverein in der Torstraße 66 rund um die Uhr geöffnet. Und Polenliebhaber, Nostalgiker oder einfach Neugierige kamen zahlreich, um noch einmal im gemütlichen "Club-Wohnzimmer" in einem der Sofas mit rotem Samtüberwurf abzuhängen und dabei die unprätentiöse Kultur der Versager zu genießen, die nicht nur sich selbst, sondern auch immer wieder Gästen Raum auf der Bühne boten. Wer es nicht persönlich schaffte, schrieb eine der viele Abschiedsmails, die den Club erreichten, sogar aus Neuseeland, weil mal eine Band von dort bei ihnen aufgetreten war.
"Mrozek fast live" - der Club der Polnischen Versager liest Werke von Slawomir Mrozek.
Jan ZappnerManchmal eigenwillig und skurril, aber immer mit einer Prise Humor - das Versager- Programm, eine Mischung aus Lesungen, Comedy, Filmen, Partys und Jazz-Musik, machte die polnischen Kulturarbeiter weit über Berlin hinaus bekannt. Die letzten vier Club-Wochen, auch mit Filmen von und über die Versager, waren eine Retrospektive der vergangenen sechs Jahre Kulturarbeit.Am Samstag ist nun Schluss, aus und vorbei. Der Club der polnischen Versager feiert große Abschiedsparty. "Am 3. Juni um 5.45 Uhr ist Ende, dann wird zurückgeschlossen", sagt Adam Gusowski vom Vorstand der polnischen Versager und spielt mit einer historischen Lüge. "Polen hat uns heute Nacht (...) beschossen. Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!" Mit dieser erlogenen Rechtfertigung begann Nazi-Deutschland den Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich hatte die Wehrmacht selbst in jener Nacht den Sender Gleiwitz gestürmt - und so den Krieg begonnen.Ironie ist das Mittel der polnischen Kulturarbeiter und so kokettiert Gusowski konsequent mit der Frage nach dem Sinn des Begriffs Versager: "Wir haben es in den sechs Jahren nicht geschafft, über den Status der ehrenamtlichen Arbeit hinaus zu kommen." Dabei lässt sich die Bilanz des Vereins sehen, dem der Austausch und das gemeinsame Gespräch über Kultur am Herzen liegt.Der Leiter des Polnischen Instituts in Berlin, Tomasz Dabrowski, zum Beispiel lobt die gute Zusammenarbeit etwa beim Polnischen Filmfestival. "Vor 2001 haben die Leute an Nutten, Elektriker und Fliesenleger gedacht, wenn sie polnische Versager hörten, heute denken sie an unseren Club", sagt lächelnd Joanna Bednarska, Vorsitzende des Clubs.  Und nun sei Schluss, nach zwei Jahren mit "viel Bürokratie".Lärmgeplagte Anwohner hatten sich wohl beim Bezirksamt Mitte beschwert und so standen eines Abends im Juni 2005 Beamte des Gewerbeaußendienstes des Landeskriminalamtes im Club. Das Ergebnis: Der Kulturverein sei eine unerlaubte Gaststätte, denn es werde Alkohol verkauft. Es würden ein Notausgang und zwei weitere Toiletten fehlen, die eine bestehende reiche nicht aus. Tatsächlich gibt es bei den Versagern Wein, Bier, Wasser und Cola - gegen bis zu zwei Euro Spende.Bednarska gibt zu, dass der Verein mit den Vorschriften und der Bürokratie überfordert sei. Im Juni vergangenen Jahres wurde der Club vom Amtsgericht Tiergarten zu einem Bußgeld verurteilt. "Es ist schon traurig. Wir machen alles unentgeltlich und am Ende stehen wir als Verbrecher da", sagt Bednarska.Der Eigentümer des Hauses, der Münchener Wolfgang Becker, bedauert: "Schade, ich bin sehr gut mit den polnischen Versagern ausgekommen. Für mich ist das ein bisschen Behördensturheit." Es sei doch seit Jahren bekannt, was der Verein mache.Seit Wochen suchen die Versager schon eine neue Heimat. Anfangs wollten sie in die leer stehende alte polnische Botschaft Unter den Linden ziehen. Ein Wunsch, den man im polnischen Außenministerium in Warschau nicht "ganz passend" fand. Möglich ist die Nutzung eines Kellers am Hackeschen Markt. Verhandlungen laufen, aber auch da fehlt ein Notausgang.Bis eine neue Bleibe gefunden ist, gehen die Versager ins Exil. Sie sind jeweils am ersten und dritten Donnerstag des Monats ab dem 14. Juni im Kaffee Burger in der Torstraße 58/60 und natürlich im Internet unter www.polnischeversager.de zu finden. Fest steht: Das Exil ist nur vorübergehend. Genau 68 Jahre nach der Propagandalüge der Nazis am 1. September soll es mit neuer Energie am neuen Ort heißen: "Ab 5.45 Uhr wird zurückgeöffnet."
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