Deutschland

Polen kandidieren bei Kommunalwahl in Ostdeutschland

Polen stellen eigenen Kandidaten für Kommunalwahlen in Deutschland

(n-ost) - Jacek Stachyra, ein junger Stettiner, ist vor einem Jahr mit seiner Familie nach Löcknitz in Mecklenburg-Vorpommern gezogen. „Wir verbinden unsere Zukunft mit diesem Ort. Trotzdem haben wir keinen Einfluss darauf, was hier passiert“, sagt er. Das soll sich nun ändern. Stachyra gilt als einer der möglichen Kandidaten für die nächsten Kommunalwahlen.Um sich an den Wahlen in Deutschland beteiligen zu können, gründeten die Polen von Löcknitz die deutsch-polnische Gesellschaft „Pomeraniak“. Hinter der Organisation stehen unter anderem die Vertreter der polnischen liberalen Partei Bürgerplattform (PO). Einige Parteimitglieder, wie Jacek Stachyra, siedelten sich nach Polens EU-Beitritt im Kreis Uecker-Randow an. Jetzt wollen sie die Interessen der dort lebenden Polen vertreten.Alleine in Löcknitz, einem kleinen Städtchen mit 3.200 Einwohnern, leben zurzeit rund 240 Polen. Im gesamten Kreis Uecker-Randow sind bereits knapp tausend polnische Bürger angemeldet. Als Magnet gelten niedrige Mieten und Gründstückspreise. Die meisten Polen arbeiten weiterhin im rund 30 Kilometer entfernten Stettin (Szczecin), aber immer öfter gründen sie auch kleine Unternehmen auf der deutschen Seite der Grenze.„Pomeraniak“ soll das Zusammenleben der deutschen und polnischen Einwohner verbessern. „In den deutschen Gemeinden, in denen sich polnische Bürger niederlassen, kommt es oft zu Kommunikationsproblemen“, sagt Stachyra, der zum Vorsitzenden der Gesellschaft „Pomeraniak“ gewählt wurde. „Wir wollen unseren Landsleuten bei Alltagsproblemen helfen.“Doch oft geht es um mehr als Alltagsprobleme: Immer wieder kommt es zu  antipolnischen Zwischenfällen. Anfang des Jahres wurden beispielsweise in Löcknitz neun Autos mit polnischen Kennzeichen von unbekannten Tätern demoliert. Ab und zu kann tauchen in den grenznahen deutschen Dörfern auch Flugblätter mit antipolnischen Parolen auf, die offensichtlich von Anhängern rechtsradikaler Organisationen verteilt werden.Wie schwer die Integration manchmal verläuft, zeigt ein vor kurzem in Löcknitz organisiertes Fest. Auf einer Veranstaltung unter dem Motto „Witaj Sasiedzie, Hallo Nachbar“ sollten sich  deutsche und polnische Einwohner des Städtchens besser kennen lernen. Während des Festes war allerdings überwiegend Polnisch zu hören – es waren kaum deutsche Einwohner zu dem Fest gekommen.„Die Deutschen waren darauf nicht vorbereitet, dass in kurzer Zeit so viele Polen hierher ziehen. Früher gab es hier doch fast keine Ausländer“, versucht eine junge Polin zu erklären, die seit zwei Jahren in Löcknitz lebt. Ihren Namen will sie nicht nennen. „Man weißt nicht, wie die Deutschen auf meine Worte reagieren“, sagt sie. Zu den Einheimischen hat sie nicht viel Kontakt. „Mit den Nachbarn grüßen wir uns, wenn wir uns sehen, und das war’s eigentlich. Vielleicht verläuft die Integration so schwer, weil die meisten Polen in Stettin arbeiten. Wenn sie abends nach Hause kommen, bleibt nicht viel Zeit, um sich mit den deutschen Einwohnern zu treffen“, erzählt die Frau.Das Pendeln nach Polen hat Jaroslaw Wieczorek längst aufgegeben. Der 41-jährige Unternehmer aus Posen (Poznan), der auch für die Kommunalwahl kandidieren will,  eröffnete vor knapp zwei Jahren eine Niederlassung seiner Fabrik in Pasewalk. Zwölf deutsche und drei polnische Mitarbeiter stellen dort Spezialwerkzeuge für die Autoindustrie her.



Der Unternehmer Jaroslaw Wieczorek (M.) hat eine Zweigstelle seines Posener Betriebes in Pasewalk eröffnet. Foto: Monika Stefanek


Viele seiner Mitarbeiter waren jahrelang auf der Suche nach einem Job, bevor sie in Wieczoreks Firma eine Beschäftigung fanden. Seine positive Erfahrung will er als Abgeordneter weitergeben. „Ich will polnischen Unternehmern helfen, sich in Uecker-Randow niederzulassen. Es gibt hier aber immer noch viele Leute, die nicht zur Kenntnis nehmen wollen, dass Polen in der Region investieren und dadurch neue Arbeitsplätze schaffen“, sagt Wieczorek.Der erfolgreiche Unternehmer investierte bisher über 700 000 Euro in Pasewalk. Innerhalb der ersten drei Jahre sollen es insgesamt 1,6 Millionen Euro werden. Zuletzt musste Wieczorek die rasche Entwicklung seiner Fabrik allerdings bremsen, denn die Fachleute auf der deutschen Seite werden allmählich knapp. Manche Spezialisten könnte er in Stettin finden, doch es ist nicht leicht, einen Polen einzustellen. „Man muss zuerst eine Arbeitserlaubnis beantragen und dann sechs bis acht Wochen auf die Entscheidung der Behörde warten. Das ist viel zu lange. Die Produktion kann nicht warten“, beschwert sich Wieczorek.Die Polen sind bei den kommenden Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern nicht ohne Chance. Im Kreis Uecker-Randow machen sie bereits knapp zehn Prozent der Bevölkerung aus. Die Gesellschaft „Pomeraniak“ kann voraussichtlich auch mit der Unterstützung der örtlichen CDU rechnen. Die Mitglieder dieser Partei, die im Kontakt zu den Vertretern der polnischen Bürgerplattform in Stettin bleiben, schließen nicht aus, den polnischen Kandidaten Plätze auf ihrer Liste anzubieten. „Wir haben bereits darüber diskutiert, jede Ortsgruppe wird aber die Entscheidung selbst treffen müssen“, bestätigt Gerd Hamm, der Kreisvorsitzende der CDU in Uecker-Randow. „Wir kennen die Namen der Kandidaten noch nicht, es ist aber für mich verständlich, dass die hier lebenden Polen ihre Probleme entsprechend artikulieren wollen.“Lothar Meistring, Bürgermeister von Löcknitz, macht sich noch keine Gedanken über die kommenden Kommunalwahlen. Mit den polnischen Einwohnern arbeitet er eng zusammen, auch wenn sie im Gemeinderat nicht vertreten sind. Es wundert ihn aber nicht, dass die Polen mit eigenen Kandidaten zu den Wahlen antreten wollen.„Über aktive Einwohner, die für die Gemeinde etwas machen wollen, kann ich mich nur freuen. Egal, ob sie Deutsche oder Polen sind“, sagt Meistring. Er hoffe, dass es nicht zu einer Blockbildung kommt, bei der auf der einen Seite polnische und auf der anderen Seite deutsche Politik gemacht wird. Meistring wünscht sich, „dass die Probleme gemeinsam gelöst werden. Denn, wer hier lebt, ist einfach ein Löcknitzer.“
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