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Mein Danzig

von Martin Brand, 13.08.2014


Ob Spaziergänge durch die malerische Frauengasse, auf den Spuren von Günter Grass oder dem Strand entlang: Die bunte Ostseemetropole Danzig ist eines der liebsten Reiseziele von ostpol-Autor Martin Brand.

Das Ufer der Mottlau. / Andreas Metz, n-ost
Das Ufer der Mottlau. / Andreas Metz, n-ost


Danzig ist eine wunderbar farbenfrohe Stadt, vor allem wenn die Sonne scheint: Blau rauscht dann das Meer, ziegelrot glüht der Backstein alter Kirchen und Gemäuer, honiggelb schimmert der Bernstein, und sattgrün leuchtet das hügelige Hinterland der Kaschubei. Dieses Kolorit macht die Ostseemetropole zu einem meiner liebsten Reiseziele in Polen.

Essen
Polnische Küche für Feinschmecker gibt es direkt an der Uferpromenade der Mottlau im „Gdanski Bowke“. Hier trieben sich früher gerne die Danziger Bowkes herum – Tagelöhner, die durch das Hafengebiet streiften und auf Arbeit hofften.
Ulica Dlugie Pobrzeze 11
www.gdanskibowke.com

Übernachten
Wer inmitten der historischen Rechtstadt eine Zeitreise unternehmen will, ist im ältesten Haus Danzigs richtig untergebracht. Das „Gotyk-Haus“ ist ein kleines, sehr liebevoll geführtes Bed & Breakfast
Ulica Mariacka 1
www.gotykhouse.eu

Eis
„Mis“ ist eine legendäre Danziger Eisdiele, in der seit 1962 nach unverändertem Rezept Eis in Waffeln verkauft wird. Wirkt noch immer etwas sozialistisch, aber ist unschlagbar im Geschmack! Etwas versteckt zu finden in der ulica Sukiennicza 18.

Jedes Jahr im August tobt das Leben in Danzig, denn dann ist Dominikanermarkt, eines der größten und ältesten Volksfeste in Polen. Aber im Spätsommer, wenn die Touristen weniger werden und die Einheimischen zurückkehren, mag ich Danzig am liebsten. Dann ist es ein wahres Vergnügen, durch Alt- und Rechtstadt zu schlendern, den Hauch der Geschichte zu spüren, der durch die Gassen weht, oder in eines der Restaurants am Ufer der Mottlau einzukehren.


Wendepunkte der Geschichte

Apropos Geschichte: Im 20. Jahrhundert nahm in Danzig die Geschichte der Welt gleich zwei Mal eine entscheidende Wendung. Am 1. September 1939 begann mit dem Beschuss polnischer Stellungen auf der vor Danzig gelegenen Halbinsel Westerplatte der Zweite Weltkrieg. Und Anfang der 1980er Jahre wurde auf der Danziger Werft die freie Gewerkschaft Solidarnosc unter Lech Walesa gegründet, die entscheidend am Sturz des Kommunismus in Polen und dem Ende der Teilung Europas mitwirkte. Zwei bedeutende Gedenkstätten an diese Ereignisse entstehen gegenwärtig in der Stadt. Das Europäische Zentrum der Solidarnosc – ein Museum und Ort der Wissenschaft und Begegnung – wird Ende August dieses Jahres seine Türen öffnen. Bis zum 1. September 2016 muss man noch warten, um das Museum des Zweiten Weltkriegs besichtigen zu können. Es wird die Geschichte aus der Sicht der Menschen in Mitteleuropa erzählen, für die dieser Krieg nicht mit Sieg oder Befreiung endete, sondern mit erneuter Unfreiheit.


Die schönste Straße Danzigs: Die Frauengasse / Martin Brand, n-ost

Mein unbestrittener Lieblingsort im historischen Zentrum Danzigs ist die malerische Frauengasse (ulica Mariacka) mit ihrem holprigen Pflaster, den eleganten terrassenartigen Vortreppen und den vielen kleinen Bernsteinläden. In der Mitte der Gasse findet sich das Café Kamienica. Ich liebe es, in dieser urgemütlichen Kneipe zu sitzen – egal ob an lauen Sommerabenden auf der Terrasse oder an kalten Wintertagen auf den Sofas in der zweiten Etage – und in den Werken Danziger Schriftsteller zu schmökern.


Literaturstadt Danzig

Da gibt es natürlich den Literaturnobelpreisträger Günter Grass, der sicherlich der berühmteste Sohn der Stadt ist. Aber auch die polnischen Autoren Stefan Chwin und Pawel Huelle erweisen sich als meisterhafte Chronisten der deutsch-polnischen Geschichte Danzigs. Jüngst hat sich Sabrina Janesch zu den magischen Realisten gesellt und mit ihrem Buch „Ambra“ eine lesenswerte deutsch-polnische Familiengeschichte aus der Stadt an der Mottlau vorgelegt.

Danzig ist eine lebhafte Stadt. Wer jedoch richtigen Trubel sucht, der muss nach Zoppot (Sopot) fahren. Besonders am Abend verwandelt sich der mondäne Kurort im Norden Danzigs zu einer Partymeile. Glanzpunkt ist der fünfhundert Meter lange hölzerne Steg in der Danziger Bucht. Mein Geheimtipp aber führt daran vorbei: Bei einem Strandspaziergang vom Seesteg gen Norden gelangt man nach etwa 20 Minuten zur Fischerhütte „Piaskownica“. Im Sommer gibt es dort in den Dünen Abkühlung, im Winter heiße Schokolade am Kamin – und alles mit Meerblick!

Kurzum: Ein Ausflug nach Danzig ist immer wieder ein Vergnügen, auch wenn der Sommer bald vorbei ist. Eine Strandwanderung wird sowieso erst mit kräftig Wind und Winterkälte zur wahren Freude. 

      

Martin Brand, Anna Brixa:
CityTrip Danzig
Reise Know-How Verlag, 2013
144 Seiten
ISBN 978-3-8317-2268-6
9,95 €

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