Politik / Belarus

Der Partisan auf der Suche nach sich selbst

Der Partisanenbegriff ist für den Belarussen ungeheuer wichtig, ist dieser doch, mit Valancin Akudovič gesprochen, „seinem Wesen nach ‚Partisan’ – in seinem Privatleben und als Teil der Geschichte.“ Aber der Partisan ist nicht nur der heroische Typus mit der Waffe in der Hand, der Kämpfer für die nationale Sache. Er ist auch eine Diagnose: pathologischer Bewusstseinszustand mit tief sitzenden Ängsten als Reaktion auf historisch bedingte Traumata. Natürlich mag es auch den Helden mit der Waffe geben, häufiger wird jedoch derjenige sein, der unauffällig im Verborgenen bleibt.

Mit Akudovičs Credo „Ich bin nicht da“ ist die strategische Ausrichtung unseres Partisanen genau umrissen. Psychologisch betrachtet, ist der belarussische Partisan ein Untergrundmensch. Sein Auftrag heißt nicht Siegen, sondern Überleben, Davonkommen auf seinem angestammten, okkupierten Territorium, das ihm nicht mehr zu eigen ist. So erklären sich auch das ausgesprochen Individuelle des Partisanen und seine Unfähigkeit zu kollektivem Handeln. Kollektives Handeln ist erforderlich, um sich gegen die Naturgewalten behaupten zu können, Überleben in der Okkupation ist dagegen eine zutiefst individuelle Angelegenheit. Wenn jeder für sich allein stirbt, ist auch der Überlebensinstinkt ausschließlich selbstbezogen. Überleben als kollektiver Akt hieße, Verantwortung für andere zu übernehmen und sich selbst noch größerer Gefahr auszusetzen.

Aus der Psychologie des Partisanen erklärt sich auch die Haltung der Belarussen zur Macht. Sie haben sich über die Jahrhunderte dermaßen an das Leben in der Okkupation gewöhnt, dass ihnen jegliche Macht fremd ist. Sie greifen nicht nach der Macht, da nicht einmal die Idee ihrer eigenen Macht ihnen glaubhaft erscheint. Sie denken, keine Macht könnte ihnen helfen. Auch hier zeigt sich eine sonderbare Spielart des belarussischen Individualismus. Während in Europa der Individualismus vom Römischen Recht herkommt („Ich bin römischer Bürger, also habe ich Rechte, und die Mächtigen sind verpflichtet, mir diese Rechte einzuräumen“), will der Belarusse in Ruhe gelassen werden und sich ungestört sein Leben im Schützengraben einrichten. Jede Obrigkeit ist ihm unausweichlich ein Übel, mit dem er sich arrangieren muss. Der Untergrundmensch zieht sich in sich selbst zurück und steckt sein kleines Territorium ab, das allein zu schützen sein Auftrag ist. Sein Untergrund-Gen wird sich nicht ohne weiteres abschalten lassen, hat es sich doch über Jahrhunderte ausgeprägt. Wenn der Krieg kam, kostete er jene das Leben, die gemeinsam Widerstand leisteten. Übrig geblieben sind diejenigen, die einfach überleben wollten.

Hätte der Partisan – der Untergrundmensch – den Auftrag, die Besatzer zu vertreiben, müsste er sich mit anderen zusammentun, eine kollektive Tat vollbringen. Aber der Untergrundmensch verbündet sich nicht gerne. Auch die belarussische politische Geschichte der vergangenen zwanzig Jahre ließe sich als Chronik gescheiterter Vereinigungsversuche schreiben. Eine nationale Idee könnte das Kunststück fertig bringen, zehn Millionen radikale Individualisten zusammenzuführen. Aber die Idee des tumben, mit Russland verbrüderten Bäuerleins ist höchstens dazu angetan, die Belarussen einander noch weiter zu entfremden. Und die Idee des Großfürstentums Litauen ist, selbst wenn sie mehrheitlich akzeptiert werden würde, grundsätzlich nicht als einigendes Moment geeignet. Gerade der Freiheitssinn des Adels – jeder ist sein eigener Herr auf seinem Territorium – hat ja zum Untergang des Großfürstentums und der Rzeczpospolita geführt. Als schicksalhafte Entscheidungen vonnöten waren, gelang es nicht einmal, sich aus der Gefahr heraus zusammenzuraufen.

Das Partisanen-Ideologem kann nicht Grundlage einer nationalen Idee sein, da es lediglich die Überlebensstrategie der Bevölkerung auf dem Territorium des Krieges darstellt. Der Krieg ist ein entscheidender Faktor für die Herausbildung der belarussischen Mentalität. Zwar haben alle Völker Europas Kriege erlebt, aber nicht überall wirkten sie so traumatisch. Ein Krieg konnte mit einem Mal die Bevölkerung halbieren wie der Polnische Krieg (1654 – 1667), sie auf ein Drittel reduzieren wie der Schwedische Krieg (1788 – 1790) oder auf ein Viertel wie die Napoleonischen Kriege bzw. jeden Vierten (oder sogar jeden Dritten) das Leben kosten wie der Zweite Weltkrieg. Historiker rechnen Belarus zu den „Bloodlands“ (Timothy Snyder) und beschreiben die blutgetränkten Ufer unserer Flüsse.

Die Jahrhunderte auf dem Territorium des Krieges haben die Psyche der Belarussen geformt. So tief sitzen die Traumata, dass das Mantra „Hauptsache, kein Krieg“ als innigster posttraumatischer Wunsch der Bevölkerung bereits zur nationalen Idee avanciert. Psychologisch motiviert ist auch die Überlebensstrategie, die Strategie des Partisanen. Bisweilen griff er heroisch zu den Waffen und ließ Züge entgleisen, zumeist aber war er unsichtbar, überall und nirgends zugleich. In Kriegszeiten ist die Strategie des Partisanen effizient. Wenn aber Friede herrscht, kann der, „der nicht da ist“, nicht Herr über sein Land sein. Dann taucht wieder jemand auf und reißt sich das herrenlose Land unter den Nagel.

© edition Fototapeta, Berlin 2014

Zum Interview mit Artur Klinau

Artur Klinau:
Partisanen. Kultur, Macht, Belarus.
Edition Fototapeta, Berlin 2014.
Herausgegeben von Taciana Arcimovič sowie Steffen Beilich, Thomas Weiler und Tina Wünschmann, literabel.de
Übersetzt von Steffen Beilich, André Böhm, Lydia Nagel, Thomas Weiler und Tina Wünschmann
168 Seiten
ISBN 978-3-940524-26-3
12,80 Euro


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