In Tschechien tragen immer mehr Frauen die Richterrobe
von Thorsten Herdickerhoff (E-Mail: t.herdickerhoff@gmx.de, Tel. 00420 - 222 733 521, Mobil 00420 - 737 887 252)
Prag (n-ost). Wenige weibliche Führungskräfte und Unternehmerinnen, aber viele Verkäuferinnen und Sekretärinnen - das ist das typische Bild einer Gesellschaft, in der noch traditionelle Rollenmuster vorherrschen und Berufe eingeteilt werden in so genannte männliche und weibliche. In Tschechien verhält es sich ebenso, mit einer Ausnahme. Im ehrenwerten Richterberuf stellen Frauen fast die Zweidrittel-Mehrheit.
Das ist ungewöhnlich, in ganz Europa. An französischen Gerichten zum Beispiel herrscht ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Geschlechtern und in Deutschlang liegt der Anteil der Richterinnen bei 30 Prozent. Warum es sich in Tschechien anders verhält, wird unterschiedlich begründet. Der Psychologe Jiri Dan sieht als Hauptursache die psychologischen Eignungs-Tests für Anwärter auf die Richterlaufbahn, die nach 1990 eingeführt wurden. Er selbst hat in den letzten zwölf Jahren etwa 1500 Personen getestet, die sich für die dreijährige Anwärter-Phase als Richter oder Staatsanwalt bewarben. Mit dieser Erfahrung kommt er zu einem klaren Urteil: "Erstens haben Männer ein geringeres Selbstvertrauen, und zweitens sind sie unreif - emotional, persönlich und sozial." Da Richter eine Machtposition innehaben, müssten sie aber ein angemessenes und vor allem stabiles Selbstvertrauen besitzen. Das hätten laut Dan hauptsächlich die Bewerberinnen. Unter den aktuell ausgewählten Richter-Anwärtern sind wiederum 62 Prozent Frauen.
Die Soziologin Alena Krizkova hingegen vermutet, dass Frauen auf dem Weg zur Richterin so erfolgreich sind, weil männliche Juristen vorwiegend eine andere Richtung einschlagen: "Männer wählen die prestigeträchtigere und besser bezahlte Arbeit als Rechtsanwalt“, ist sie überzeugt. Frauen hingegen suchten weniger Ruhm oder Geld, sondern Sicherheit. Auf eine Richterstelle können Frauen etwa nach dem Mutterschafts-Urlaub garantiert wieder zurückkehren.
Eines ist jedoch auch in Tschechien auffällig: Unter den Richtern steigt der Anteil von Männern, je höher man die Karriereleiter hinauf blickt. Frauen sitzen zwar auf 62 Prozent aller Richtersessel, aber am Höchsten Gerichtshof sind sie nur noch mit 23 Prozent vertreten. Steigt also das Ansehen der Position, sinkt der Anteil der Frauen rapide. Eine Faustregel, die wohl nicht nur in Tschechien Gültigkeit hat.
Zahlen (für evtl.es Schaubild)
Richterinnen 1800 62,4%
Richter 1086 37,6%
(Quelle: Justiz-Ministerium, Daten von 2005)
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Thorsten Herdickerhoff