Deutschland

„Europe – Our common home?“


Berlin (n-ost) – Über Tausend Osteuropa-Wissenschaftler aus der ganzen Welt treffen sich derzeit in Berlin, um über die „Chancen und Perspektiven der erweiterten Europäischen Union“ zu diskutieren. „Europe – Our common home?“ – das bereits vor zwei Jahren bestimmte Motto des VII. Weltkongresses der Osteuropaforschung (25. bis 30. Juli), der bedeutendsten Zusammenkunft von Forschern über diese Region, trifft den Kontinent in einer Zeit tiefer Zerwürfnisse, die sich auch entlang dessen Ost-West-Achse auftun.

Wo liegt Europa? Hat das Gemeinsame eine Chance oder dominiert nach einem langen und qualvollen Prozess der Annäherung am Ende doch noch das Trennende? Das „non“ und „nee“ der EU-Verfassungsgegner in Frankreich und den Niederlanden klingt vielen Kongressteilnehmern noch in den Ohren, allen voran den beiden Schirmherren, dem Bundesaußenminister Joschka Fischer und dem polnischen Staatspräsidenten Alexander Kwasniewski.

Wie soll Europa langfristig gestaltet werden? Nach den euphorischen Tönen anlässlich der EU-Osterweiterung im Mai 2004 und der Ernüchterung angesichts der Ablehnung der EU-Verfassung und diverser Grabenkämpfen in der Gemeinschaft, scheint nun die Zeit der Besinnung auf das kulturelle und geistige Fundament Europas abseits tagesaktueller Reibereien gekommen zu sein. Obschon sich das Schwerpunktthema der von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde organisierten Tagung auch an den aktuellen politischen Ereignissen in Europa orientiert, wollen viele der mehr als vierhundert Veranstaltungen, aus Disziplinen wie Geschichte, Literatur und Recht aber auch Pädagogik oder Genderforschung, kein vordergründig politisches Forum sein. Die Panels und Vorträge dienen der Präsentation von Forschungsergebnissen der letzten Jahre – mithin die bedeutendste Bestandsaufnahme auf internationaler Bühne. Dabei gibt es viele Veranstaltungen, die interdisziplinär angelegt sind. So wird beispielsweise auch über „Sexualität in Osteuropa“ diskutiert oder nach den Chancen für „Investitionen, Technologie und Wachstum“ in den neuen EU-Ländern gefragt.

Schrittweise Annäherung

Die Genese des alle fünf Jahre abgehaltenen Weltkongresses selbst liest sich wie eine Chronik Europas der letzten drei Jahrzehnte, von Konfrontation und Abschottung hin zu einer weitgehenden Integration. So waren auf dem Gründungskongress 1974 im kanadischen Banff nur Gesandte vier großer wissenschaftlicher Verbände westlicher Länder – mittlerweile sind es 21 aus vier Kontinenten – mit dem Ziel angereist, die akademischen Mühen in der „freien Welt“ zu koordinieren. Nach Garmisch-Partenkirchen, wo 1980 der zweite Kongress stattfand, luden die Veranstalter erstmals Wissenschaftler aus den Ostblockstaaten ein, doch in letzter Minute erfolgte per Telegramm die Absage aus Moskau, Ostberlin, Prag und anderen sozialistischen Hauptstädten. Immerhin: 18 Gelehrte unter anderem aus Polen, Jugoslawien und der Volksrepublik China ignorierten den Boykott.

Erst die Wende von 1989 ermöglichte eine hinreichende Verständigung der Osteuropawissenschaftler beider Hemisphären. Zum IV. Weltkongress in Harrogate, England, 1990 reisten bereits 240 Wissenschaftler aus fast allen ehemaligen Ostblockstaaten an, in Berlin werden etwa 40 Prozent der Teilnehmer aus Ostmittel- und Osteuropa kommen. Stanislav J. Kirschbaum, Sekretär des International Council for Central and East European Studies (ICCEES), zeigt sich erfreut über die positive Entwicklung des Weltverbandes: „Ideologische Barrieren trennen seither nicht länger Schulen, Forscher und Gelehrte und neue Ziele tauchten auf. Geisteswissenschaftler in Europa wissen sehr wohl, welche Rolle sie in der europäischen Einigung spielen können und jene die von außen auf den Kontinent blicken, können andere Perspektiven und Methoden beisteuern.“

Eineinhalb Jahrzehnte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wird nun die Humboldt-Universität zu Berlin, in jener Stadt, die wie keine andere europäische Metropole von der Einigung des Kontinents profitierte, Austragungsort sein. Angesichts der exponierten Lage der deutschen Hauptstadt nahe der polnischen Grenze, scheint es beinahe zwingend, dass ein bedeutender Teil der Veranstaltungen den Entwicklungsprozess der um zehn Mitgliedsstaaten erweiterten Europäischen Union thematisiert. Dr. Heike Dörrenbacher, Geschäftsführerin der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde, sieht darin eine zentrale Aufgabe der akademischen Zusammenkunft: „Es zeigt sich, dass die Integration der mittel- und osteuropäischen Staaten in die EU in der Tat begleitet werden muss. Die mentalen, kulturgeschichtlichen und sonstigen historischen Unterschiede bestehen fort. Beispielhaft sei hier nur die Diskussion um das Zentrum gegen Vertreibung genannt, um das es in Deutschland und in Polen nach wie vor einen sehr großen Streit gibt, der auch die Beziehungen auf der politischen Ebene vergiftet.“

Europa der Zwischenräume

Nicht nur Unter den Linden konferieren die Wissenschaftler. Im nur eine Zugstunde von der deutschen Hauptstadt entfernten Frankfurt/Oder wird Philipp Ther, Juniorprofessor für Polen- und Ukrainestudien der Europa-Universität Viadrina, gewissermaßen im Feld ein Panel leiten, auf dem Xavier Galmiche, Karl Schlögel und andere Osteuropahistoriker die Folgen der Vertreibung und Neuansiedelung in den Grenzgebieten Mitteleuropas nach der Zweiten Weltkrieg diskutieren und damit zwangsläufig auch auf tagesaktuelle Aspekte stoßen. Ther bemerkt dazu, dass auch ein Jahr nach der Erweiterung der Union es an beiden Ufern der Oder noch immer gegenseitige Unkenntnis gebe. Der Osteuropahistoriker sieht neben der Politik insbesondere auch die Wissenschaft in der Verantwortung, Europa nicht nur in den Metropolen zu einen: „Auf historischer Ebene bin ich der Meinung, dass der deutsche Antipolonismus immer noch nicht grundlegend aufgearbeitet wurde. Man erkennt das an vielen Vorurteilen und Ängsten, die leider auch heute die Grenzregion prägen.“ Ther verweist auf die in Deutschland wenig beachtete gemeinsame lange Geschichte mit dem östlichen Nachbarn; immerhin lebten Deutsche und Polen 1772 bis 1918 zu einem beachtlichen Teil in demselben Staat. Dieses Faktum sei nur eines der Wahrnehmungsdefizite gemeinsam erlebter europäischer Geschichte, das es aufzuarbeiten gelte.

Junge Wissenschaftler und Studenten der Viadrina üben sich dessen ungeachtet immer wieder gerade im Umgang mit Fragen, für die Zwischenräume des europäischen Kontinents eine wesentliche Komponente der Forschung sind und verfolgen dabei mitunter unorthodoxe Ansätze, die das Motto des Weltkongresses „Europe – Our common home“ vielmehr als Gebot denn als Frage zu verstehen scheinen. Mit der Veranstaltungsreihe „Terra Transoderrana“ beispielsweise – der Name selbst stammt aus dem späten Mittelalter und legt sich nicht auf Neumark oder Lebuser Land (polnisch Ziemia Lubuska) als geographischen Begriff für beide Ufer des Flusses fest – versuchen Nachwuchshistoriker, deutsche und polnische Erinnerungen an die Zeit der Vertreibung ohne gegenseitige Ressentiments anzusprechen, was die Bewohner des Grenzlandes durchaus mit regem Zuschauerinteresse honorieren.
Die dabei erworbenen Kenntnisse wenden die Studenten inzwischen praktisch an, indem sie einen individuellen Begleitservice namens „HeimatReisen“ für Menschen anbieten, der den familiären Wurzeln der alten Menschen in den einstigen deutschen und heutigen polnischen Gebieten nachgeht. Im Unterschied zu den bereits existierenden Busreiseangeboten begleiten bei dieser Offerte Studenten die Interessierten individuell für einen oder mehrere Tage in ihre alte Heimat, auch um als Mittler zwischen den bis heute divergierenden Geschichtsbildern zu fungieren.

Weitere Informationen zum Programm des Osteuropakongresses gibt es unter: www.iccees2005.de; Zu dem Veranstaltungszyklus „Terra Transoderana“, „HeimatReisen“ und anderen Projekten: www.instytut.net.

***Ende***

-----------------------------------------------------------
Wenn Sie einen Artikel übernehmen oder neu in den n-ost-Verteiler aufgenommen werden möchten, genügt eine kurze E-Mail an n-ost@n-ost.org. Der Artikel wird sofort für Sie reserviert und für andere Medien aus Ihrem Verbreitungsgebiet gesperrt. Die Honorierung der Artikel und Fotos erfolgt nach den üblichen Sätzen Ihres Mediums. Das Honorar überweisen Sie bitte mit Stichwortangabe des Artikelthemas an die individuelle Kontonummer des
Autors. 


Weitere Artikel