Tschechien

Die Zukunft von Theresienstadt

Theresienstadt (n-ost) "Das ist jetzt eine tote Stadt", bringt die Passantin das Problem auf den Punkt. "Die Soldaten sind weg, hier passiert nicht mehr viel." Theresienstadt blickt auf 200 Jahre Geschichte zurück, die von Militär und Krieg bestimmt waren. Seit der demokratischen Revolution 1989 zog sich auch die tschechische Armee zurück, der letzte militärische Nutzer der alten Festungsstadt aus Zeiten des österreich-ungarischen Kaisertums. Jetzt stehen über 40 Prozent der Gebäude leer und verfallen langsam. "Sicher verstehen Sie, dass unser größter Feind die Zeit ist", warnt eindringlich der Bürgermeister Jan Hornicek. "Wir müssen diese Objekte nicht nur sanieren, sondern ihnen vor allem eine langfristige Bestimmung geben", erläutert er.

Die klaren Worte des Bürgermeisters hören sich an wie die Lösung der Misere, doch genau genommen fängt sie damit erst an. Die Sanierung ist ohne Zweifel notwendig, damit die Stadt nicht verfällt und daran vielleicht stirbt. Aber sie ist teuer, zu teuer für die knapp 3000 Einwohner zählende Gemeinde. Die langfristige Nutzung der Gebäude ist ebenso wichtig, aber vielleicht noch schwieriger zu erreichen. Denn Geld kann man beantragen, Menschen jedoch nicht. Die zentrale Frage lautet demnach, wer die Gebäude nutzen könnte. Immerhin geht es hier um fast die Hälfte der Stadtfläche.

Zwei groß angelegte Vorschläge gibt es inzwischen. Einmal soll Theresienstadt zur Universitäts-Stadt werden, das andere Mal eine Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust, im Rang des Washingtoner Holocaust Memorial Museum und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem.

Die Idee, eine neue Universität oder Teile einer bestehenden Universität anzusiedeln, wurde letztes Jahr vorgestellt und von der Stadt selbst ausgearbeitet. Sie soll etwa 2000 Menschen nach Terezin bringen, wie die Stadt auf Tschechisch heißt, und zwar überwiegend Studentinnen und Studenten. Die Kosten teilen sich laut Projektplan der tschechische Staat und die EU. Ein Viertel der benötigten Gelder soll aus dem etwas klammen Prag kommen, drei Viertel aus den Töpfen Brüssels. Die gesamten Kosten sind auf 7,5 Milliarden Kronen veranschlagt, das entspricht etwa 250 Millionen Euro. Das Projekt trägt den hoffnungsvollen Namen "Terezin nach Europa" und wurde unter anderem mit einer Wanderausstellung beworben. Im Frühjahr dieses Jahres war sie auch in Deutschland zu sehen, in Berlin und Strausberg, der Partnerstadt Terezins.

Allerdings gibt es bisher keine Interessenten für diese Idee. "Keine der von mir angesprochenen Hochschulen zeigt wirklich seriöses Interesse an der Gründung einer Fakultät in dieser Stadt", sagt Jiri Sulc vom Kreis Usti nad Labem, zu dem auch Terezin gehört. In seiner Funktion als Hauptmann der Region bemüht er sich sehr um das Geschick der kleinen Gemeinde. Ein Offizier aus den Zeiten der Festungsstadt ist er jedoch nicht, sondern ganz ziviler Vorsitzender des Kreisrats. Er steht hinter dem zweiten Vorschlag zur Zukunft Terezins, er möchte die Stadt zu einer international bedeutsamen Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust machen. Das hält er eher für möglich, denn "gegenüber dem Desinteresse der Universitäten steht das fortwährende Interesse der Touristen und der die Tschechische Republik besuchenden Staatsoberhäupter an Terezin als Ort der Pietät, der Ehrfurcht vor den Toten."

Die Geschichte lässt die kleine Stadt nicht los, und die Stadt weiß mit ihr umzugehen. Auch der zweite Vorschlag klingt akzeptabel für den Bürgermeister Jan Hornicek, da er sein Hauptanliegen erfüllen könnte: "Es würde zwar um einen anderen Gehalt gehen als bei dem Vorschlag einer Universitätsstadt, aber er brächte ebenfalls eine sinnvolle Ausnutzung der Gebäude, welche die Stadt von der Armee übernommen hat."

Der zweite Vorschlag korrespondiert gemäß Hauptmann Sulc weiterhin mit der Idee einer Universität – die Stadt kann ein bekannter Ort werden für das Studium der mitteleuropäischen Geschichte und Studierenden aus der ganzen Welt offen stehen. Im Rahmen spezieller Studienprogramme wäre ein Studienaufenthalt in Terezin gewiss sinnvoll und möglich. Außerdem könnten diese Programme als Grundlage dienen für den späteren Aufbau einer eigenen Fakultät. Insgesamt sieht Jiri Sulc gute Chancen für das Vorhaben einer Gedenkstätte: "Ich glaube, das Projekt ist gut ausgearbeitet und wird schon im nächsten Planungszeitraum der EU von 2006 - 2013 finanziell unterstützt."

Allerdings gibt es schon eine Gedenkstätte in Terezin. Deren Direktor Jan Munk sieht die Pläne von Hauptmann Sulc kritisch und hält sie auch nicht für besonders ausgereift. "Das Problem ist, dass ich nicht weiß, wer sich was vorstellt unter dem Begriff Gedenkstätte des Holocausts", bemängelt Munk. "Tatsache ist: eine solche Gedenkstätte mit gesamteuropäischer, sogar weltweiter Bedeutung, ist Terezin bereits." Die Frage sei vielmehr, ob und wie die bestehende Gedenkstätte erweitert werden könne. Aber da sind die Pläne noch nicht weit genug gediehen. Es ist sogar unklar, ob nicht eine zweite Organisation entstehen könnte, eine zweite Holocaust-Gedenkstätte. Direktor Munk jedenfalls spricht eine solche Möglichkeit an und verurteilt sie: "Das wäre meiner Meinung nach kontraproduktiv und – gestatten Sie, wenn ich das sage – es wäre auch dumm."
Die Möglichkeit einer Hochschule schätzt er ähnlich ein wie Hauptmann Sulc und sieht auch konkreten Bedarf: "Es ist selbstverständlich möglich, die Ausbildungs-Kapazitäten auszubauen. Auf der tschechischen Seite besteht hier besonderes Interesse an der Lehrerfortbildung mit dem Schwerpunkt Holocaust."

Eine Verbündete bei der Europäischen Union hat Terezin auch. Die stellvertretende Vorsitzende der Europäischen Kommission, die Schwedin Margot Wallström, pflegt enge Verbindungen zu der kleinen Stadt in Tschechien. Bei ihrem letzten Besuch im Mai versicherte sie, Terezin sei für sie eine "Herzens-Angelegenheit" und sie werde die Pläne der Stadt nach Kräften unterstützen. Sie selbst hatte auch einen Vorschlag mitgebracht. Sie möchte in Terezin ein Zentrum für Demokratie und Kultur schaffen, was ihr zufolge gut mit den Plänen einer Universität zusammenpassen würde.

Ideen gibt es also genug für die Stadtentwicklung von Terezin, einer Stadt, die seit jeher von ihrer Geschichte geprägt wird. Erbaut wurde sie zwischen 1780 und 1790 als Festungsstadt von Kaiser Josef II., Herrscher über Österreich-Ungarn. Sie sollte bei Kriegen gegen Preußen helfen, wurde aber nie in Kämpfe verwickelt. Funktional gebaut für militärische Zwecke blieb sie lange Zeit Garnisons-Stadt und diente schon im 19. Jahrhundert als Gefängnis. In der so genannten Kleinen Festung, die vor der Stadt lag, wurden politische Gegner der Habsburger Monarchie eingesperrt.
Diese Tradition führten die Nationalsozialisten fort. Seit 1940 war die Kleine Festung ein Gefängnis für politische Häftlinge der Prager Gestapo. 1941 wurde die Stadt zum Ghetto für Juden erklärt, aus dem bis Mitte des Jahres 1942 die einheimische Bevölkerung evakuiert wurde. Das Konzentrationslager Theresienstadt diente hauptsächlich als Sammelstelle für die Juden Europas auf dem Weg in die Vernichtungslager im Osten. Fast 87000 Menschen wurden von hier weiter nach Osten deportiert, von denen weniger als 3600 Menschen überlebten. Im KZ Theresienstadt starben über 33000 Menschen, vor allem wegen mangelhafter Ernährung, Krankheiten und Entkräftung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Kleinen Festung Deutsche interniert, von 1945 bis 1948.
Heute erinnern verschiedene Ausstellungen in Terezin an die schrecklichste Zeit der Stadt, als sie Werkzeug des Nazi-Terrors war. Zahlreiche Gebäude der Stadt gehören zur Gedenkstätte Terezin, die kurz nach der Wende zu einem Museums-Komplex ausgebaut wurde. Terezin hat sich damit seiner Vergangenheit gestellt.

Und was halten die Bürgerinnen und Bürger heute von der Idee einer größeren Gedenkstätte? "Das wäre sicher gut für Terezin", sind sich die Leute einig. "Das bedeutet mehr Menschen, und auch mehr Tourismus. Es wäre ein großes Plus für die Stadt." Alte wie Junge freuen sich über mehr Leben in Terezin, das heute ein beschauliches, schmuckes Städtchen ist. Bei aller Zuversicht behält eine 84-jährige Theresienstädterin allerdings auch die Übersicht und fasst den bisherigen Stand der Dinge so zusammen: "Die planen nur, und können nicht entscheiden, was und wann."



Name des Autors: Thorsten Herdickerhoff


Weitere Artikel