Polen

„An Drohungen per SMS habe ich mich gewöhnt“

Der Pole Tomasz Baczkowski wird beim Christopher-Street-Day in Berlin mit einem Sonderpreis geehrtWarschau/Berlin (n-ost) –  „Ich habe es noch nie gesehen, dass zwei Männer in der Öffentlichkeit Händchen halten. Ich würde das auch nicht tun“, beschreibt Tomasz Baczkowski die Situation von Homosexuellen in Polen. Der 33-Jährige ist Vorsitzender der Stiftung für Gleichberechtigung, einer Dachorganisation von Lesben- und Schwulen-Gruppen. Er pendelt seit zehn Jahren zwischen Berlin und Polen, und organisiert in seinem Heimatland Veranstaltungen wie die Warschauer Gleichheitsparade. Unter polnischen Schwulen gilt er als Held. „Für mich ist meine Tätigkeit eine Pflicht. Ich kann bei der Situation in Polen nicht still sitzen“, erklärt der studierte Ökonom.Die Lage in Polen ist für die Homosexuellen schwierig – trotz EU-Mitgliedschaft. Die Katholische Kirche hat großen Einfluss. Ihr gehören etwa 90 Prozent der Bevölkerung an. Erst seit dem Tod von Papst Johannes Paul II. hat sich etwas bewegt. Früher sei immer argumentiert worden: „Was würde der Papst dazu sagen?“, erinnert sich Baczkowski. In Polen sei das fast schon ein Totschlag-Argument.Aber auch die jetzige national-konservative Regierung unter Führung der beiden Zwillinge  Lech (Präsident) und Jaroslaw Kaczynski spricht sich offen gegen die Gleichbehandlung von Hetero- und Homosexuellen aus. Schon als Bürgermeister von Warschau versuchte Lech Kaczynski die Gleichheitsparade zu verbieten. Sie sei „sexuell obszön“, eine „Gefahr für die öffentliche Moral“ und verletze zudem die religiösen Gefühle Dritter.
Auch in diesem Jahr wollten die Behörden ein Verbot durchsetzen – erfolglos. Die Partei des rechtsextremen Bildungsministers Roman Giertych drohte zwar noch, die „Perversen“ mit dem „Knüppel“ zu vertreiben, dennoch gingen am 10. Juni nach Baczkowskis Schätzungen etwa 15.000 Menschen auf die Straße. Im Gegensatz zu den Hunderttausenden, die in Berlin an diesem Wochenende feiern, brauchten diese 15.000 dazu noch jede Menge Mut. Heiß her ging es beim Christopher-Street-Day 2005 in Berlin, Foto: Andreas MetzFür gewöhnlich verstecken sich homosexuelle Polen in schummrigen Bars wie dem Krakauer Schwulenclub „Cocon“. Aus Angst vor Übergriffen lässt sich die Tür nur von innen öffnen – rein kommt, wer bekannt ist. Während Lichtblitze über die Tanzfläche zucken halten Marek und Adam ihre Hände auf den Hüften des anderen schauen sie sich tief in die Augen. Hier fühlen sie sich sicher. Was ihnen draußen passieren kann, zeigt der Fall des Heidelbergers Peter Kortas, der nach einem Besuch im „Cocon“ auf dem Heimweg überfallen und geschlagen wurde. „Ich glaube, dass man sich bewusst mich ausgesucht hat, als Besucher eines Schwulenklubs.“ Ähnliches passierte dem 22-jährigen Studenten beim diesjährigen Krakauer Marsch für Toleranz. „Freiheit, Gleichheit, Toleranz“ trugen die Teilnehmer auf neon-orangen Aufklebern. Der Veranstalter riet, diese nach der Demonstration abzunehmen. Kortas und seine westeuropäischen Freunde wollten das nicht. Warum auch? Die Folge: Sie wurden angerempelt und als „Scheiß Schwule“ beschimpft.„Ich habe mich an Drohungen per SMS oder Email gewöhnt. Anders geht’s auch nicht“, sagt Baczkowski schulterzuckend. Rechtsradikale hatten eine so genannte „Redwatch Liste“ ins Internet gestellt. Darauf standen Namen und Adressen von linken Politikern, Bürgerrechtlern und schwulesbischen Aktivisten. Auch Baczkowski gehörte dazu. Auf Anzeigen reagierte die Polizei laut Baczkowski erst nach einem halben Jahr. Ein 30-Jähriger, der auf der Liste stand, war am helllichten Tag in Warschau mit einem Messer lebensgefährlich verletzt worden. Die Behörden verkauften die Schließung der Liste als großen Erfolg. Ein Trugschluss: Seit wenigen Tagen ist sie wieder online.Doch die Stimmung in Polen kippt. Statt mit Flaschen, Steinen oder Eiern zu werfen, winkten viele Warschauer bei der diesjährigen Gleichheitsparade mit Blumen. Mütter hielten ihre Kinder hoch, damit die was sehen konnten. Viele Bürger seien unzufrieden mit der Regierung Kaczynski. Auch die Medien schlügen sich deshalb nach und nach auf die Seite der Homosexuellen. Nur das staatliche Fernsehen hält noch dagegen. Baczkowski spricht von einer „Doppel-Moral“. Mit seinem deutschen Freund hat er ein Haus in einem „typisch polnischen Dorf, wo der Pfarrer auch der Bürgermeister ist“. Regelmäßig fahren sie dort hin, arbeiten im Garten oder am Bienenstock. Die Leute wissen, dass sie ein Paar sind. Aber sie schweigen. Lachend erzählt Baczkowski: „Seit ich öfter im Fernsehen zu sehen bin, scheint mir, dass die Leute sogar stolz auf mich sind.“ Ende---------------------------------------------
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