Staatstrauer in Polen nach Busunglück
Die meisten Opfer stammen aus Stettin / Unglücksbus hatte keine Genehmigung für die FahrtstreckeStettin (n-ost) - In Polen begann am gestrigen Montag eine dreitägige Staatstrauer. Alle Fahnen wehen nun auf Halbmast. Das ganze Land gedenkt der 27 Pilger, die am Sonntag bei einem Busunglück in Frankreich ums Leben gekommen sind. Der Bus war auf einer steilen Gebirgsstraße in den französischen Alpen vermutlich aufgrund defekter Bremsen von der Straße abgekommen, in eine Schlucht gestürzt und in Flammen aufgegangen.In den westpolnischen Städten Stettin (Szczecin), Swinemünde (Świnoujście) und Stargard Szczeciński, aus denen die meisten Pilger stammen, ist die Betroffenheit besonders groß. Viele Menschen strömten den ganzen Sonntag und Montag über in die Kirchen und beteten zusammen. Am Montag wurde in ganz Stettin Punkt 12.00 Uhr eine Schweigeminute eingelegt. Die Nacht vom Sonntag auf Montag bezeichneten Angehörige der Pilger als die schlimmste in ihrem Leben. Verzweifelt warteten sie auf Nachrichten aus dem Krankenhaus im französischen Grenoble, in das alle schwer verletzten Insassen des verunglückten Busses gebracht worden waren.
In allen Stettiner Kirchen sammeln sich die Gläubigen und trauern um den Opfer des Busunfalls in Frankreich
Marcin Bielecki
"Sie lebt, Gott sei Dank, sie lebt!", ruft Zenon Skroboń unter Tränen, nachdem er von einem Priester erfahren hat, dass seine Frau Bożena den Busunfall überlebt hat. Dann fällt der ältere Herr vor dem Altar auf die Knie und beginnt laut zu beten.
Großes Glück hatte auch Małgorzata Wachowiak aus Stettin. Ihre 22-jährige Tochter Karolina befand sich ebenfalls in dem Unglücksbus. "Ihre Freundin hat ihr geholfen und aus dem brennenden Fahrzeug rausgeholt. Dank ihr lebt meine Tochter", berichtet die bewegte Mutter. "Karolina hat mich schon angerufen. Sie ist verletzt, hat unter anderem gebrochene Beine und ein gebrochenes Schlüsselbein. Aber sie lebt. Das ist das wichtigste."Nach allem, was bislang bekannt ist, kamen 27 Businsassen qualvoll ums Leben. Viele, die den Absturz überlebt hatten, wurden bei lebendigem Leib verbrannt. Unter den Opfern ist eine behinderte Frau aus Swinemünde, die sich nur mit dem Rollstuhl bewegen konnte. Zusammen mit ihrem Mann hatte sie an der zweiwöchigen Pilgerfahrt zu Wallfahrtsorten in Frankreich, Spanien und Portugal teilgenommen, um für die Besserung ihrer Gesundheit zu beten.Noch immer sind nicht alle Opfer identifiziert. Unklar ist auch, wie viele Passagiere an Bord des Busses waren. Die Zahlen schwanken zwischen 47 und 52. Nach dem letzten Stand wird die Zahl der Toten insgesamt mit 27 angegeben, 24 seien verletzt. Zehn Verletzte befinden sich nach Angaben aus Frankreich noch immer im Koma. Eine Person gilt als vermisst.Am Montagmorgen startete ein Sonderflugzeug der polnischen Regierung vom Flughafen Goleniów bei Stettin nach Grenoble. An Bord sind Angehörige der Opfer. Sie sollen in Frankreich bei der Identifizierung der Leichen helfen. Die Gruppe wurde von einem Team von Ärzten, Psychologen und Übersetzern begleitet. An Bord befanden sich auch Vertreter der Stettiner Verwaltung. Staatspräsident Lech Kaczynski ist ebenfalls nach Grenoble geeilt und traf sich dort auch mit seinem französischen Amtskollegen Nicolas Sarkozy. Die Pilger, die nur leichte Verletzungen davongetragen haben, sollen schon bald mit dem Flugzeug nach Polen zurückkommen. Die übrigen werden in den französischen Krankenhäusern bleiben, bis sich ihr Zustand verbessert hat.Viele Einwohner Westpommerns demonstrierten ihr Mitgefühl mit den Familien der Opfer. Unter den Betenden einer Stettiner Kirche ist auch Jarosław Czarnociński. Er sei 20 Jahre nicht in einem Gottesdienst gewesen, bekennt der 40-Jährige. "Ich bin seit Jahren nicht mehr gläubig, aber heute musste ich hierher kommen, um mich bei Gott zu bedanken, dass er meine Familie und mich verschont hat", sagt Czarnociński und schüttelt den Kopf. "Ich kann diese Tragödie nicht begreifen."Die genauen Ursachen des Unfalls sind noch nicht bekannt. Eine Überlebende erzählte nach Presseberichten, dass der Busfahrer kurz vor dem Unfall die Passagiere gewarnt habe: "Haltet euch fest, die Bremsen sind kaputtgegangen!" Ein paar Sekunden später sei das Fahrzeug dann in eine 30 Meter tiefe Schlucht gestürzt und sofort in Flammen aufgegangen. Die Gebirgstrasse in französischen Alpen ist sehr steil, mehrfach ist es hier in der Vergangenheit zu tödlichen Unfällen gekommen, die insgesamt bereits 200 Menschenleben forderten. Busse dürfen auf dieser Route nur mit einer Sondergenehmigung fahren. Der polnische Busfahrer hatte keine solche Genehmigung."Ich weiß nicht, warum der Fahrer diese Route gewählt hat", äußerte sich Marcin Szklarski, Chef des Busunternehmens "Orlando-Travel", die die Pilgerfahrt organisiert hat, in der polnischen Presse. "Wir empfehlen immer einen anderen Weg zu nehmen, der zwar länger ist, aber nicht so steil wie diese Alpenstraße." Auch bei der Firma "Caban", die den Busfahrer stellte, weiß niemand, warum der Fahrer die gefährliche Route gewählt hat. Am Montag wurde das Unternehmen von Inspektoren der polnischen Transportinspektion kontrolliert. Die Kontrolle hat aber offenbar keine Unregelmäßigkeit ergeben. Der Bus war vor drei Wochen einer technischen Überprüfung in Frankfurt/Oder unterzogen worden. Dabei waren keine Mängel festgestellt worden. Inzwischen hat die polnische Staatsanwaltschaft die Ermittlungen übernommen.Ende---------------------------------------------------------------------
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