Russland

Naturschützer-Protest gegen Winterolympiade 2014

Am Schwarzen Meer haben die Vorbereitungen für die Winterolympiade 2014 begonnen. Nahezu die komplette Infrastruktur für die Spiele muss in den nächsten Jahren aus dem Boden gestampft werden, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Natur im Kaukasus. Greenpeace, der World Wide Fund for Nature (WWF) und tausende russischer Bürger protestieren gegen das gigantische Vorhaben. Während Russlands Präsident Wladimir Putin offiziell den Start der Bauarbeiten verkündet, sind die Naturschützer bereit, notfalls gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) zu klagen, sollten die Baupläne in Sotschi nicht geändert werden.
 
Genau sechs Jahre sind es noch bis zu den Olympischen Winterspielen 2014. Doch in Russland wird darüber heute nahezu täglich in den Fernsehnachrichten berichtet. Das Projekt "Sotschi 2014" ist zur Staatsangelegenheit geworden. "Wir sind nun in der Phase der praktischen Realisierung des Baus. Es handelt sich auch im Weltmaßstab um ein sehr ambitioniertes Objekt", erklärte Wladimir Putin Mitte Februar in Sotschi. In Alaska-Jacke statt klassischem Anzug setzte er sich dort selbst hinters Steuer des Wagens, mit dem die staatliche Delegation bei den örtlichen Behörden vorfuhr. Putin hat eine Residenz in Sotschi und wedelt im nahen Kaukasus als berühmtester Amateur-Skifahrer Russlands gern selbst die Hänge hinab. Auf dem Beifahrersitz der Staatskarosse saß Premierminister Wiktor Subkow, der nach der Reise mit dem Präsidenten erklärte, die Regierung würde sich von nun an monatlich zum Thema Sotschi 2014 beraten.Sotschi, UferpromenadeSotschi gehört zu den südlichsten Städten Russlands. Die russische Riviera um die Küstenstadt gilt seit Jahrzehnten als Synonym für Urlaub am Schwarzen Meer. Viele Einwohner vermieten in der Hochsaison ihre Wohnungen an Touristen und leben den Rest des Jahres vom Verdienst in der Sommerzeit. Der Stadtverwaltung zufolge haben den Badeort im letzten Jahr rund vier Millionen Touristen besucht, darunter allerdings nur fünf Prozent Ausländer. Im Winter reifen im subtropischen Klima Sotschis Kiwis und Datteln, während in den Bergen des Großen Kaukasus, 50 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, meterhoch der Schnee liegt. Dort, im Skigebiet Krasnaja Poljana, sollen 2014 sämtliche Ski-Wettbewerbe der Olympiade ausgetragen werden - auch wenn der Ort bisher noch kein einziges internationales Ski-Rennen gesehen hat.
Zwei olympische Dörfer - eines im Kaukasus, eines an der Küste - müssen für die Spiele errichtet werden, dazu eine Rodelanlage samt Tribüne, ein 40.000 Zuschauer fassendes Olympiastadion und neun weitere olympische Komplexe. Dazu kommt die nötige Infrastruktur wie neue Hotels, Autobahnen und Schnellzugstrecken sowie zusätzliche Kraftwerke am Fluss Msymta, aus dem die gesamte Stadt Sotschi ihr Wasser erhält. Von neun geplanten Elite-Ressorts mit Golfklub und Spa, die mit der olympischen Ideen so gut wie nichts zu tun haben, ganz zu schweigen. Diesen Plänen zufolge würde Sotschi zur größten Baustelle in der Geschichte der Olympischen Winterspiele werden. Sotschi lebt von der Natur in seiner Umgebung. Doch genau darin liegt auch ein Problem der kommenden Winterspiele: Die meisten der geplanten Baustellen liegen in der so genannten "Puffer-Zone" eines Territoriums, das durch seinen Status als Weltnaturerbe durch die UNESCO-Konvention geschützt ist. In solchen Gebieten seien keine Neubauten erlaubt, betonen Naturschützer. Sonst würden Ökosysteme zerstört, der Wasserkreislauf und die Durchgangswege wilder Tiere unterbrochen. Den Naturschützern zufolge sind allein durch den Bau des neuen Gasprom-Ski-Komplexes in Krasnaja Poljana bereits jetzt die besten Orte zum Überwintern von Huftieren im Westkaukasus zerstört worden. Der Bau von Rodelanlagen werde zudem die Population der Braunbären erheblich schädigen.Skigebiet in SotschiBereits Ende Januar hatte Greenpeace rund 6.000 Unterschriften russischer Bürger für eine Verlagerung der olympischen Objekte gesammelt und dem IOC-Hauptquartier übergegeben. Experten von NGOs schlugen alternative Orte für die Bauten vor. Es gebe gute Ausweichmöglichkeiten, wie Satellitenaufnahmen zeigten.Greenpeace will gegen das Internationale Olympische Komitee (IOC) klagen, wenn die Baupläne nicht geändert werden. Dies kündigte der Programmdirektor von Greenpeace Russland, Iwan Blokow, an. Er ist sich sicher, dass die Umweltschützer vor Gericht gute Chancen haben: "Russlands Verwaltung und die hiesigen Vorbereitungskomitees werden schuldig sein, wenn die Olympische Spiele nicht stattfinden", so Blokow.Die Gegenseite gibt sich derweil gelassen. Schon zu Beginn der olympischen Kampagne hatte der Chef des russischen Olympischen Komitees, Leonid Tjagatchow, erklärt: "Wenn die Naturschützer kommen und beginnen mit der Verfassung zu fuchteln und zu rufen, dass man Tannenbäume nicht fällen dürfe, dann wird es für uns das einfachste sein, die Verfassung zu ändern." So weit ist es noch nicht gekommen, doch Gesetze, die den olympischen Plänen der russischen Regierung widersprachen, wurden in den letzten Monaten erheblich geändert. Die Legalisierung des Abholzens für die Baustellen beispielsweise wird nach einer zynischen Logik durchgeführt: Wenn es nicht erlaubt ist, im Nationalpark zu bauen, dann nennen wir die entsprechenden Territorien eben nicht mehr Nationalpark. Rund 40 Prozent der geplanten Investitionen für die Olympiade 2014 übernehmen Großkonzerne. Gasprom, Interros und der Aluminium-Konzern des Oligarchen Oleg Deripaska sind alle bereit, Milliarden in Skilifte, Flughäfen und Hotels zu investieren, die nach Olympiade in ihrem Besitz bleiben. Die Einwohner der Bezirke in Sotschi, in denen nach dem Bauplan Sportobjekte errichtet werden sollen, fürchten indes, sie könnten zur Umsiedlung gezwungen werden. Geklärt ist diese Frage noch nicht, denn die Einwohner wurden in der russischen Olympia-Diskussion bisher nicht gehört.Sotschi - das Tor in die Zukunft
 
Der Kampf der Naturschützer gegen Neubauten im Nationalpark sah bereits verloren aus, als alle Entscheidungskompetenz sich in der Hand des Präsidenten und der Konzerne konzentrierte. Aber einen internationalen Skandal will die Regierung vermeiden. In den vergangenen Wochen haben die Mitarbeiter des Organisationsausschusses deshalb wenigstens mit den Naturschützern über mögliche ökologische Probleme diskutiert.
   
Am 2.März, dem Tag der russischen Präsidentschaftswahl, wählen die Einwohner von Sotschi übrigens nicht nur ein neues Staatsoberhaupt, sondern auch ein Symbol für die Winterolympiade 2014. Vier Kandidaten stehen zur Auswahl: Väterchen Frost, ein Eisbär, ein Delphin auf Skiern und eine Schneeflocke. Es könnte einer der wenigen Tage sein, an dem sich die russische Regierung wirklich für die Meinung der Öffentlichkeit interessiert.ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87


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