Russland

FRAUENTAG OHNE IDEE

Russinnen zwischen Emanzipierung und patriarchalischem Bewusstsein(n-ost) – Die Märkte in Rostow am Don sind jedes Jahr am 7. März in das Gelb und Rot von Mimosen und Tulpen getaucht. Morgens sind Männer zu sehen, die Blumen kaufen. Abends tragen Frauen die Blumen nach Hause. In jeder Firma müssen Männer ihren Kolleginnen, besonders denen in Partnerunternehmen, gratulieren. Das dauert oft den ganzen Arbeitstag. Am 8. März überreichen sie dann die zweite Portion Glückwünsche und Geschenke – diesmal zu Hause. Denn der 8. März – der internationale Frauentag – ist in Russland ein offizieller Feiertag.„Wenn der 8. März Frauentag ist, dann sind die übrigen 364 Tage Herrentage“, lautet ein russischer Witz. Der bekannter Filmemacher Ivan Dychovitschnij hat es auf „Radio Freedom“ noch deutlicher erklärt: „An diesem Tag sind alle Frauen ein bissschen benebelt, sie sind guter Laune, sie sind wunderschön. Warum nicht mitmachen – ein bisschen herumblödeln, durch die Stadt fahren, allen gratulieren, Mimosen schenken. Es ist doch ein echter Karneval.“ Für Parfüm, Schmuck und Bonbons geben russische Männer viel Geld aus, über den politischen Hintergrund dieses Tages und die fehlende Gleichberechtigung der Frauen wollen sie umso weniger nachdenken.So ist es auch bei den meisten Frauen in Russland. Die Ideen der Gleichberechtigung interessieren die meisten Russinnen nicht, anderen erscheinen sie schlicht utopisch. Nur wenige Frauen in Russland kämpfen für ihre Rechte. Sie halten den Frauentag für diskriminierend. „Ich nehme keine Glückwünsche entgegen, alle meine Verwandten kennen das schon“, sagt Nina Kurassowa, Leiterin der Nonprofit-Organisation „Informationszentrum Afina“. Sie ist seit vielen Jahren in Projekten zur Stärkung der Rechte von Frauen tätig. Die Problematik bleibe in Russland immer dieselbe: Unter anderem fehlten Frauen auf den Ebenen der Entscheidungsträger.Die echte Frauenrechtsbewegung ist an Russland vorbeigezogen, glaubt Kurassowa. In der Zarenzeit herrschte eine orthodoxe Tradition, die die Frau als geduldige, treue, zuhause auf den Mann wartende Hausfrau verstand. Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in den großen russischen Städten hoch gebildete und emanzipierte Frauen, die sich auch politisch engagierten und für  Gleichberechtigung kämpften.Als die Sowjetunion entstand, wurde Gleichberechtigung zum Teil der sozialistischen Ideologie. Während die Frauen in der russischen Sowjetrepublik selbstverständlich Stiefel und Uniform angezogen, musste in den neu zur Union gehörenden zentralasiatischen Republiken wie Turkmenistan oder Usbekistan noch aufgeklärt werden. Auf den sowjetischen Baustellen arbeiteten Frauen als Kranfahrerinnen und Hochbaumonteurinnen, kämpften als Melkerinnen in Kolchosen für Rekorde bei der Milchproduktion. In den 1960er Jahren gab es die ersten Fabriken und Kolchosen, die unter der Leitung von Frauen arbeiteten. Die bekannteste Frau in der Politik war Kulturministerin Jekaterina Fursewa. Eine Starkarriere hatte die erste Weltraumfahrerin Walentina Tereschkowa gemacht. Doch diese Frauen blieben Einzelfälle.In den 60er und 70er Jahren, als Intellektuelle in Amerika und Europa Simone de Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ (in Russland erst 1998 veröffentlicht) analysierten und  feministische Theorien entwickelten, ging die typische sowjetische Frau zur Arbeit, zog zwei Kinder auf und kochte mithilfe des „Buches über gesundes und leckeres Essen“ für ihre Familie.Nach dem Zerfall der Sowjetunion emanzipierten sich die Städterinnen. Sie trugen Minis, fuhren Autos, gründeten Firmen und wurden nicht mehr wegen Ehescheidungen geächtet. Doch während heute in Geschäftsbereichen wie Tourismus, Personalbranche, Beratung und in sozialen Behörden viele Frauen die Chefsessel einnehmen, wäre eine Frau als Präsident oder Verteidigungsminister immer noch undenkbar. Denn die orthodoxe patriarchalische Tradition ist trotz der Jahrzehnte herrschenden Sowjetideologie nicht vergessen.Nach wie vor trennt das öffentliche Bewusstsein in Russland noch sehr streng die Konzepte von „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“. Es gibt sogar die verbreitete Meinung, dass Feminismus und Emanzipation die nationale Kultur bedrohten. So geht auch die First Lady immer einen Schritt hinter dem Präsidenten. Die neue First Lady, Swetlana Medwedewa, hat sogar einen neuen Feiertag vorgeschlagen: den Tag der Familie, Liebe und Treue. „Die Frau soll ihrer Natur entsprechend nach Demut streben. Ihre Bestimmung ist es, Frieden und Liebe in der Familie zu bewahren“, erklärte Medwedewa.Dieses grundsätzliche Konzept von den Geschlechtern zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt. „Es gibt zwar keine Gesetze, die einer Frau Steine auf den Weg in die Karriere legen“, sagt die Kulturwissenschaftlerin Anastassija Braerskaja, die in der Südlichen Föderalen Universität in Rostow die Geschichte der Frauenbewegung erforscht. Doch Frauen verdienen knapp ein Drittel weniger als Männer. „Es sind die Stereotypen, die stören“, erklärt sie. „In der Werbung werden Hausfrauen gezeigt, die glücklich sind, wenn ihr Mann zufrieden ist.“ Hinzu komme, dass es heute in Russland schwer ist, die Karriere mit der Familie zu vereinbaren. „Wenn die Kindergärten ohne Bestechung und Bürokratie zugänglich wären, wäre das schon eine wirksame Unterstützung der Frauen.“Diese patriarchalische Tradition bestimme selbst die Sichtweise der Frauen, beklagt die Frauenrechtlerin Nina Kurassowa. So würden bei Wahlen viele Frauen eben wegen dieser Tradition selten für weibliche Kandidaten stimmen. Russischen Frauen behagt auch die Emanzipierung nach westlichem Muster kaum. Es gilt in Russland als schlechter Witz, wenn Frauen sich diskriminiert fühlen, wenn ein Mann ihnen die Tür öffnet. Russische Frauen fassen solche Aufmerksamkeiten als Kompliment auf.So werden denn auch am 8. März russische Frauen die Geschenke der Herrenwelt entgegennehmen. Am Abend wird die typische erwerbstätige russische Frau zu Hause die Festtafel decken: drei Sorten von Salaten, Fleisch, Torte. Sie wird ihrer Mutter gratulieren und Blumen und Parfüm von ihrem Mann bekommen. Auch ein Briefumschlag mit Geld vom Chef gehört oft zu den Geschenken. Oder Postkarten aus dem Internet: Laut Yandex, der populärsten russischen Suchmaschine, wurde im vergangenen Jahr 74.000 Mal eine Karte mit der Aufschrift verschickt: „Eine Frau – das klingt stolz!... sieht gut aus... riecht angenehm... kocht lecker“.Julia Uraktschejewa
ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0


Weitere Artikel