Kaczynskis schwerer Wahlgang
Jaroslaw Kaczynski wirkt grau, als er an die Wahlurne tritt. Fahl im Gesicht und in einen dunklen Sommermantel gehüllt, hebt er seine Großnichte Ewa empor, damit die Achtjährige den Wahlzettel einwerfen kann. Richtig zu fassen bekommt Kaczynski die Kleine zunächst nicht, alles wirkt unbeholfen. „Dies ist eine existenzielle Wahl“, sagt er zu den versammelten Journalisten. Existenziell einerseits, weil sich mit der Präsidentenwahl die Richtung der polnischen Politik entscheidet. Existenziell aber auch, weil hier ein Mann steht, der vor zwei Monaten auf tragische Weise seinen Zwillingsbruder verloren hat, und der nun dessen politisches Erbe als polnischer Präsident antreten will.
Vor der Feuerwehrschule, in der sich das Wahllokal 333 befindet, herrscht dagegen an diesem Sonntag gelöste Stimmung. Dass der Kandidat Kaczynski hier, im Warschauer Stadtteil Zoliborz, wählen geht, ist für die meisten nichts Besonderes. Die Menschen wissen, dass nur wenige Straßen weiter das unscheinbare Reihenhaus der Familie Kaczynski steht. „Das ist alles ein völlig normaler Vorgang“, sagt eine blond gefärbte Mittfünfzigerin. Und das Unglück von Smolensk? Hat das denn nichts verändert? Immerhin sind dort außer Präsident Lech Kaczynski 95 weitere hochrangige Repräsentanten Polens umgekommen. „Nein“, antwortet die Frau, alles sei wie immer. „Selbst der Wahlkampf war so langweilig wie überall auf der Welt.“
Tatsächlich haben sich die beiden wichtigsten Kandidaten in diesem Präsidentschaftsrennen bislang weniger hitzige Debatten geliefert als in vorigen Wahlkämpfen. Jaroslaw Kaczynski, Chef der national-konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS), setzte auf das Mitgefühl seiner Landsleute und die Welle des Patriotismus, die nach der Tragödie von Smolensk über Polen hinwegschwappte. Sein Kontrahent Bronislaw Komorowski von der rechtsliberalen Bürgerplattform (PO) hingegen ruhte sich lange auf seinen glänzenden Umfragewerten aus, die ihm über Wochen hinweg eine absolute Mehrheit verhießen. Am Ende hatte er im ersten Wahlgang die Nase nur noch um wenige Punkte vorn. Rund 42 Prozent der Wähler stimmten für Komorowski, 36 Prozent für Kaczynski. Nun kommt es am 4. Juli zu einer Stichwahl.
Komorowski bleibt Favorit, zumal sich mehr als 13 Prozent der Wähler für den Bewerber der Linken, Grzegorz Napieralski, entschieden haben. Sie dürften Beobachtern zufolge in der zweiten Runde ihre Stimme eher dem PO-Kandidaten geben. „Komorowskis Sieg wäre gut für das Land“, sagt auch Anna Michalowska, die gemeinsam mit ihrem Mann und den drei Töchtern in die Feuerwehrschule in Zoliborz gekommen ist, um ihre Stimme abzugeben. „Komorowski“, erläutert ihr Mann, „könnte ungestört mit der Regierung zusammenarbeiten. Das würde Polen eine ruhige Entwicklung sichern.“ Denn Komorowski gehört nicht nur derselben Partei wie Premierminister Donald Tusk an, beide gelten auch als Vertraute. „Tusk“, so die Analyse der Michalowskis, „bräuchte deshalb kein Präsidenten-Veto mehr zu fürchten.“ Der frühere Präsident Lech Kaczynski hatte von diesem Mittel der Politikverhinderung ein ums andere Mal Gebrauch gemacht. Sein Bruder Jaroslaw würde, da sind sich die Beobachter einig, genauso handeln.
Gerade deshalb aber haben andere erst recht für Kaczynski gestimmt. Offen sagen will das in Zoliborz zwar kaum jemand, aber zwischen den Zeilen ist die Wahlentscheidung doch herauszuhören. Etwa bei dem Ehepaar, das beim Verlassen des Wahllokals sogleich ins Dozieren gerät. Die beiden 60-Jährigen können „eigentlich keinen so großen Unterschied zwischen Kaczynski und Komorowski“ ausmachen. „Aber“, so führt der Mann aus, „unsere Politiker werden grundsätzlich zu schlecht kontrolliert.“ Deshalb sei es wichtig, dass Präsident und Premier nicht der gleichen Partei angehören. Es ist eines der wirkungsvollsten Argumente, mit denen Kaczynski für sich wirbt. Die Angst der Polen vor zu viel Macht in den Händen zu weniger Politiker ist auch 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus nicht gewichen.
Daran, dass Kaczynski so kurz nach dem Tod des Zwillingsbruders wieder in die politische Arena gestiegen ist, kann in Zoliborz kaum jemand etwas Schlimmes finden. Am Abend des Wahltags zeigt sich der Kandidat dann auch kampfeslustiger als am Morgen bei der Stimmabgabe. „Der Glaube an den Sieg“, ruft er seinen Anhängern zu, „ist der Schlüssel zum Sieg!“ Mit dabei ist seine Nichte Marta, die Tochter des verstorbenen Bruders Lech. Sie gibt Kaczynskis Wahlkampf ein sympathisches Gesicht. Bei einem möglichen Fernsehduell mit Komorowski, dem der PiS-Chef bislang aus dem Wege gegangen ist, wird sie ihrem Onkel allerdings nicht helfen können. Ob es zu dem direkten Aufeinandertreffen noch kommt, war auch am Morgen nach der Wahl noch offen. Doch Kaczynski machte klar, dass er in den kommenden zwei Wochen stärker die Konfrontation suchen will: „Es gibt Unterschiede zwischen den Kandidaten“, sagte er, „Unterschiede grundsätzlicher Art.“