Trauer an der Wolga
Bei Unwetter sind die Wellen auf dem Kuibyschewer Stausee, durch den die Wolga fließt, so hoch wie auf dem Meer. Das Kreuzfahrtschiff „Bulgaria“ war auf dem Weg zur tatarischen Hauptstadt Kasan, als am Sonntagnachmittag ein Gewitter mit starkem Wind und Regen einsetzte. Die meisten Passagiere befanden sich in ihren Kabinen, die Kinder waren gerade der Einladung der Animatoren gefolgt und versammelten sich im Spielzimmer. Dort sollte ein Kinderfest stattfinden.
Dann ging nach Medienberichten alles sehr schnell. Das Schiff legte sich bei dem Unwetter auf die Seite, binnen drei Minuten war es gesunken. Den 188 Passagieren und Besatzungsmitgliedern blieb keine Zeit, auf die zwei Rettungsboote zu steigen. Nur etwa 80 Menschen konnten nach zwei Stunden von einem vorbeifahrenden Schiff, der „Arabella“ gerettet werden. Bei der schweren Schiffskatastrophe kamen nach Angaben der Bergungskräfte rund 110 Menschen ums Leben, unter den Toten sind auch etwa 30 Kinder.
Das 1955 in der damaligen Tschechoslowakei gebaute Ausflugschiff „Bulgaria“ gehörte der Gesellschaft „Antonov Group-F.Z.E.“ und wurde vom örtlichen Reiseanbieter „Argoretschtur“ gepachtet. Um möglichst viele Passagiere aufnehmen zu können, war das Doppeldeck den Medien zufolge zu einem Vierdecksschiff umgebaut worden. Im Unterschied zu den teureren Kreuzfahrtschiffen verfügte die „Bulgaria“ über keine wasserdichten Schotten. Den Reiseveranstaltern war das Risiko durchaus bewusst, dass das Schiff bei einer Havarie sofort sinken würde.
Zur genauen Unglücksursache allerdings machten die Behörden zunächst keine Angaben. In Frage kommt nach Medienberichten ein defektes Triebwerk, eine mögliche Überbelastung oder ein Verstoß gegen die Sicherheitsvorschriften.
An Bord waren vor allem kinderreiche Familien, Rentner und Behinderte. Solche Wolga-Kreuzfahrten sind vor allem bei geringverdienenden Russen beliebt: 1.250 Rubel, also weniger als 40 Euro, kostet ein zweitägiger Ausflug auf den maroden Schiffen. „Die billigsten Kabinen unten im Schiffsinneren waren besonders bei Rentnerinnen gefragt“, sagte ein Besatzungsmitglied im russischen Fernsehen. „Manche ältere Dame hat ein ganzes Jahr gespart, um sich diese Kreuzfahrt leisten zu können“.
Kinderreiche Familien nutzen den allgemeinen Urlaubszuschuss vom Sozialamt, wenn sie sich für die Kreuzfahrt auf einem Wolga-Schiff entscheiden. Offiziellen Angaben zufolge waren mindestens 52 Kinder an Bord der „Bulgaria“. Bislang konnten nur 13 von ihnen gerettet werden, 30 wurden bereits tot geborgen. „Wer sich zum Zeitpunkt der Havarie im Spielzimmer befunden hat, hatte keine Chance“, sagt ein Besatzungsmitglied.
Laut Katastrophenschutzministerium liegt die „Bulgaria“ nun in 20 Metern Tiefe, rund drei Kilometer vom Ufer entfernt. Die Hoffnungen, im Inneren des versunkenen Schiffs noch Überlebende zu finden, sind geschwunden. Die Taucher bergen nur noch Leichen aus dem Wrack.
Für Entsetzen sorgt die übers Internet und die Medien verbreitete Information, dass vor der „Arabella“ bereits zwei Frachter und ein Motorboot an dem Unglücksschiff vorbeigefahren waren. Von dem Motorboot aus seien die Schiffbrüchigen fotografiert und gefilmt worden, während sie nach Hilfe riefen. „Was ist aus uns geworden?“, fragen die Internetnutzer in zahlreichen Foren. „Haben wir unsere Seele verloren?“