Aserbaidschan

Der schale Glanz von Baku

Wenige Tage sind es noch bis zum Eurovision Song Contest in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku. In der extra für den Schlagerwettbewerb errichteten Kristallhalle am Ufer des Kaspischen Meeres laufen die Proben für das Ereignis, das mit Sicherheit als vorläufig teuerster Eurovision Song Contest in die Geschichte eingehen wird.

Nicht nur wurde erstmals der Austragungsort neu errichtet. Auch sämtliche Technik musste in die ferne Kaukasusrepublik transportiert werden. Beteiligt waren zahlreiche Firmen aus dem deutschsprachigen Raum von der Alpine GmbH über das Hamburger Architekturbüro Gerkan Marg und Partner bis hin zur Firma Brainpool. Außerdem forcierte die Staatsführung noch einmal den von den Öleinnahmen getriebenen Bauboom in Baku. Nun erstrahlt die Hauptstadt im Glanz neuer Hochhäuser sowie restaurierter Gebäude und Stadtmauern, bei vielen allerdings wurde nur die Fassade mit Sandsteinplatten verkleidet.

Nicht umsonst lässt sich die Staatsführung das Event Einiges kosten. Aserbaidschan, das bislang bestenfalls als öl- und gasfördernde Ex-Sowjetrepublik mit überwiegend muslimischer Bevölkerung bekannt war, will zum Westen aufschließen. „Wir wollen zu Europa gehören und hinsichtlich demokratischer Werte ein Leuchtturm für die östlichen Nachbarstaaten werden”, sagt Präsidentenberater Ali Hasanov. Er ist in der Präsidialverwaltung, der Machtzentrale Aserbaidschans, für öffentliche und politische Angelegenheiten zuständig. Gemeint sind vor allem die Nachbarländer Russland, Iran sowie die Staaten Zentralasiens.

Tatsächlich versucht die autoritär regierende Führung um Präsident Ilham Alijew nicht nur, seit einigen Jahren mit Hilfe von PR-Agenturen und Kulturorganisationen ihr Image im westlichen Ausland aufzubessern. Auch im Inland hat sie einiges unternommen, um auf Gäste freundlicher zu wirken. Am Flughafen wurde die Anzahl der Ausweis- und Personenkontrollen auf ein übliches Maß reduziert. Die Visumsvergabe verläuft reibungslos, und die Polizisten sprechen Touristen mit einem freundlichen Ton an.

Auch ließ sich die Polizei in den vergangenen Jahren von Experten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) im Umgang mit Demonstranten schulen. Als kürzlich erstmals seit sieben Jahren zwei Demonstrationen der Opposition zugelassen wurden, hielten sich die Polizisten zurück. Allerdings wurde der öffentliche Verkehr zum Demonstrationsort außerhalb des Stadtzentrums unterbrochen, und die Polizisten filmten und fotografierten die Teilnehmer. Wie bei Protestaktionen im vergangenen Jahr berichteten Studenten, dass sie danach von Examen ausgeschlossen wurden. Als einige Zeit später Regierungsgegner im Stadtzentrum protestieren wollten, wurde die Aktion rigoros aufgelöst. Ein Journalist wurde zusammengeschlagen, als er über die Vertreibung von Bürgern aus ihren Häusern berichten wollte, die neuen Bauten weichen sollen.

Auch angesichts kritischer Berichte vor allem in deutschen Medien offenbarte die autoritäre Staatsführung in den vergangenen Wochen ihr wahres Gesicht. Sie warf deutschen Medien und Politikern wie dem Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, Markus Löning, sowie Christoph Strässer, der im Europarat für das Thema politische Gefangene zuständig ist, eine Kampagne gegen Aserbaidschan vor – und startete in den heimischen Medien selbst eine Kampagne gegen Deutschland. Auf deren Höhepunkt wurden Löning, der deutsche Botschafter Herbert Quelle sowie einige Oppositionspolitiker zusammen mit einem Hitler-Porträt abgebildet.

Je mehr sich herausstellte, dass es der aserbaidschanischen Führung nicht gelingen würde, den Song Contest einfach als PR-Show in eigener Sache zu verkaufen, desto mehr änderte sich die Haltung im Lager der Regierungsgegner. Wurden im vergangenen Jahr noch zahlreiche Rufe laut, den Schlagerwettbewerb zu boykottieren, freuen sich jetzt viele über den kritischen Blick ausländischer Medien auf die eingeschränkte Pressefreiheit und die zunehmende Verdrängung von Regierungskritikern aus allen Bereichen der Gesellschaft.

Zu jenen, die sich auf das Ereignis selbst freuen, zählen viele Homosexuelle in Baku. Kamran Rzajew und Elchan Bagirow bekennen, dass sie schwul sind. Sie beteuern, Homosexuelle hätten nichts zu befürchten in Baku, schon gar nicht als Ausländer. In der orientalisch geprägten Kultur des Landes sei es normal, wenn Männer Arm in Arm die Uferpromenade entlangschlendern. Auch in Beauty-Salons oder im Show-Geschäft seien Homosexuelle akzeptiert. In einer Bar im Zentrum Bakus erzählen sie von ihrer Organisation „Gender & Development“, die sich um HIV-Prävention kümmert und Drogensüchtigen mit einem Methadon-Programm hilft. Allerdings betonen beide, nicht politisch aktiv zu sein. Und sie geben zu, dass es etwas Neues sei, wenn in der Öffentlichkeit über eine schwul-lesbische Parade debattiert werde.

Das Thema Homosexualität spielt sonst in den Medien nur eine Rolle, wenn Regierungsgegner diskreditiert werden sollen. So wurde dem Oppositionsführer Ali Kerimli unterstellt, er sei schwul. Doch er selbst wie auch Präsidentenberater Ali Hasanov vermeiden es im Gespräch, das Wort Homosexualität auch nur in den Mund zu nehmen. Lieber spricht Hasanov allgemein von der Toleranz seiner Landsleute und wünscht, es mögen auch „ganze Kerle“ zum Song Contest nach Baku kommen.


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