Grenzöffnung - aber nur ein bisschen
Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Gerücht unter den Ausländern in der Ukraine: Die strengen Visa-Regeln für Touristen sollen gelockert werden. Jan-Peter Abraham, Lektor des Deutschen Akademischen Austausch-Dienstes im ostukrainischen Charkiv, sah im Geiste schon seine Eltern bei sich zu Gast: „Kein Anstellen in der Botschaft, kein lästiges Ausfüllen von Formularen, keine wochenlange Wartezeit. Die bürokratischen Umständlichkeiten haben sie bisher davon abgeschreckt, mich hier zu besuchen.“
Doch die offizielle Meldung der ukrainischen Regierung dämpfte umgehend die Vorfreude: Tatsächlich werden die Einreisebedingungen geändert, jedoch nur in einem ersten kleinen Schritt: Ab sofort können Touristen, sofern sie per Flugzeug in Odessa und Simferopol (Krim) oder per Schiff am Seehafen Odessa einreisen, ein 14-tägiges Visum direkt vor Ort erhalten. Notwendig dafür sind zwei Passbilder, ein gültiger Reisepass und die Bestätigung über eine Hotel- oder Sanatoriumsbuchung. Eine Gebühr von 25 Euro wird erhoben. Bislang kostete ein Touristenvisum 45 Euro, war dafür aber vier Wochen lang gültig. “Meine Eltern werden nicht über Odessa einfliegen, wenn sie nach Charkiv wollen. Eine Hotelbestätigung benötigen sie auch nicht, da sie bei mir wohnen würden. Sie haben also nichts davon“, stellte Abraham enttäuscht fest. Wer profitiert nun von der Neuerung?
Das Schwarze Meer, Odessa und die Krim sind beliebte Reiseziele, die auch den bisherigen Aufwand zum Visa-Erhalt wert waren. Zwar brauchen Mitglieder der EU-Staaten keine Einladung von einer ukrainischen Person oder Einrichtung, auch die Registrierung bei der örtlichen Meldebehörde ist seit 2001 nicht mehr nötig. Dennoch war der Erhalt der Visa mit Papierfluten, Verunsicherung und erheblichen Wartezeiten verbunden. Nun wird sogar ein Spontanurlaub möglich.
Katrin Heuser, Studentin aus Leipzig mit privatem Interesse an der Ukraine freut sich: „Bisher waren Spontanreisen nicht möglich, auch wenn es nur um ein paar Tage ging, musste Monate vorher schon geplant werden. Da ich bisher weder Odessa noch Simferopol kenne, sind diese beiden Orte für mich als Zielort der nächsten Reise in die Ukraine natürlich wie geschaffen.“
Warum der hochfrequentierte Kiewer Flughafen nicht in die Neuerung miteinbezogen wurde, blieb unbeantwortet. Auch für alle anderen Einreisestationen etwa an der Grenze zu Polen ist alles beim Alten geblieben. Zugreisen, die im Vergleich zu den Flugreisen natürlich wesentlich billiger sind, bleiben ebenfalls außen vor. Auf der Website der Ukrainischen Botschaft in Deutschland wird die Visa-vor-Ort-Variante bislang noch nicht erwähnt. Auch Reiseagenturen, selbst wenn sie auf die Ukraine spezialisiert sind, wissen noch nichts von den neuen Regelungen. Einzig auf einer amerikanischen Website, ist die neue Variante bereits verzeichnet.
Die 14-Tages-Regelung ermöglicht es in Zukunft immerhin Spontantouristen von Odessa oder Simferopol aus das Land zu erkunden. Auch Geschäftsleute könnten davon profitieren. Sie reisen ohnehin per Flugzeug an, sind in der Regel in Hotels untergebracht, bleiben selten länger als 14 Tage im Land. Gerade sie sind auf eine Einreise angewiesen, die möglichst unaufwendig abzuwickeln ist. Es ist der erste Schritt der Ukraine in Richtung Europa. Bleibt abzuwarten, ob noch weitere folgen. Erst wenn die Neuregelung auch für den Kiewer Flughafen gelten würde, könnte man von einem echten Durchbruch sprechen. Dann stünde auch einem Wiedersehen zwischen Jan-Peter Abraham und seinen Eltern nichts mehr im Wege.