„Zusammen sind wir viele”
Innerhalb weniger Tage wurde Sie mit ihrer Revolutionshymne „Rasom nas bahato“ („Gemeinsam sind wir viele“) in der ganzen Ukraine und im angrenzenden westlichen Ausland berühmt: die Band Gryndzscholy aus der westukrainischen Stadt Ivano-Frankivsk. Wo immer sich in der Ukraine in den letzten Wochen mutige Menschen auf der Straße versammelten und mit orangenen Abzeichen für Demokratie demonstrierten, wurde der Revolutions-Rap gespielt und mitgesungen.
Im Text, der rhythmisch mitgeklatscht werden kann, heißt es unter anderem: „Gemeinsam sind wir viele, wir sind nicht zu stoppen!“ Fälschungen - nein! Kungelei - Nein! Banditenrecht - Nein! Nein zur Lüge! Juschtschenko - Ja! Ist unser Präsident - Ja! Ja!“
Sänger Roman Kalyn (36) und Gitarrist Roman Kostjuk (32) sind die beiden Musiker hinter „Gryndzscholy“. Der Name der Band leitet sich aus der Sprache der Huzulen ab, einem kleinen westukrainischen Bergvolk, und bedeutet so viel wie „Schlitten“. Das Leben der beiden Männer hat sich durch das Lied verändert. Unsere Korrespondentin Halina Huzjo, sprach mit den Musikern in ihrem Tonstudio in Ivano-Frankivsk.
Wie hat die Geschichte von „Gryndzscholy“ angefangen?
Kostjuk: „Im Jahre 1995 haben wir die Gruppe „Nema Marli“ gegründet und hauptsächlich Reggae gespielt. Doch die Gruppe hat sich sehr schnell wieder aufgelöst. Roman und ich blieben aber der Musik treu und riefen das Projekt „Gryndzscholy“ ins Leben. Den Namen der Band kann man auch “Green&Jolly” schreiben, was im Englischen „Grün und lustig“ bedeutet.
Kalyn: Mit „Gryndzscholy“ haben wir an verschiedenen Wettbewerben teilgenommen und zwei Mal einen zweiten Preis gewonnen. Viel Popularität brachte das aber nicht. Eigentlich hat sich niemand richtig für unsere Musik interessiert. Mit der Zeit verloren wir daher den Enthusiasmus. Wir haben uns ganz auf unser Tonstudio konzentriert und mit anderen jungen Sängern gearbeitet.
Die orangene Revolution hat euch nun beflügelt?
Kostjuk: „Ja. Allerdings verbinden uns nun alle mit Hip-Hop, obwohl wir eigentlich immer Reggae gemacht haben.
Der Text der Hymne der ukrainischen Opposition: "Gemeinsam sind wir viele"
Gryndzscholy „Rasom nas bahato“:
Der
Text bezieht sich unter anderem auf eine Aussage des
Regierungskandidaten Janukowitsch bei der Präsidentschaftswahl, der
seine Kritiker als „Böcke" bezeichnet hatte. Jetzt wummert die Musik aus
Autoradios und Lautsprechern, dazu tanzen Jugendliche und Erwachsene
auf verschneiten Straßen:
Refrain:
Gemeinsam sind wir viele,
Wir sind nicht zu stoppen! (4 x)
Fälschungen - nein!
Kungelei - Nein!
Banditenrecht - Nein!
Nein zur Lüge!
Juschtschenko - Ja!
Juschtschenko - Ja!
Ist unser Präsident - Ja! Ja!
Wir sind kein Vieh,
wir sind keine Böcke,
Sind der Ukraine Töchter und Söhne!
Jetzt oder nie!
Genug gewartet!
Gemeinsam sind wir viele!
Refrain: Gemeinsam sind wir viele,
Wir sind nicht zu stoppen!
Habt ihr das Lied „Zusammen sind wir viele!“ für euch oder bewusst für die Revolution geschrieben?
Kostjuk: „Wir
haben es für die Bürger von Ivano-Frankivsk geschrieben, als sie auf
die Straßen gegangen sind. Niemand hat von uns dieses Lied bestellt. Wir
dachten einzig an die Revolution und nicht an PR. Die Hymne entstand
bereits am zweiten „orangenen Tag“ – innerhalb von vier Stunden zwischen
8.00 und 12.00 Uhr.“
Wer kam auf die Idee?
Kalyn: „Ich
schreibe meine Lieder immer, wenn ich mit dem Bus von zu Hause zum
Tonstudio fahre. Das dauert etwa 20 bis 25 Minuten. So war es auch
diesmal. Zuerst hatte ich die Melodie im Kopf. Dann kamen die Worte: Ich
habe mich einfach an die Demonstration erinnert, an das, was die
Menschen riefen. Dann hat Roman einige Änderungen gemacht. Wir sind
sofort mit dem noch „warmen“ Lied auf die Straße gelaufen. Unsere
Freunde haben es dann ins Internet gestellt. Wenn die Statistik stimmt,
dann wurde es allein am ersten Tag 150.000 Mal heruntergeladen.
Wusstet
ihr, dass das Motto „Gemeinsam sind wir viele! Und niemand kann uns
besiegen!“ früher von Che Guevara verwendet wurde? Bei ihm hieß es auf
Spanisch: Pueblo unido jamas sera vencido!”
Kalyn: Das
Urheberrecht des Liedtextes gehört dem ukrainischen Volk. Von dem Motto
Che Guevaras hörten wir erstmals in Kiew am zehnten Tag der Revolution.
Habt ihr mit diesem Erfolg gerechnet?
Kalyn: „Natürlich
nicht! Wir haben dieses Lied für zwei bis drei Protesttage geschrieben.
Wir dachten, wir werden es singen, solange demonstriert wird. So war
ich anfangs erstaunt, später schockiert. Irgendwann bekam ich dann die
Gewissheit, dass wir wirklich ein gutes Werk getan haben.
Es gibt eine CD mit dem Titel „Die orangenen Lieder der ukrainischen Revolution“, aber Euer Lied fehlt?
Kostjuk: Noch verhandeln wir mit einer Plattenfirma. Aber ich denke, wir werden das Lied bald als Single herausbringen.
Seid ihr eigentlich politische Menschen?
Kalyn: Noch vor kurzem haben wir einen Bogen um Politik gemacht. Aber jetzt… jetzt singen wir: „Juschtschenko ist unser Präsident!“ Die orangene Revolution hat mich zum Patrioten gemacht. Noch bis zum 22. November fehlte mir der Glaube, dass sich die Ukrainer jemals von ihren Knien erheben könnten...