Ein Osterkuchen verträgt keine Hektik
Zum orthodoxen Osterfest am Sonntag halten Auswanderer russische Traditionen lebendig(n-ost) Als Larissa Wolodarskaja neulich im Laden nach Eierfarben fragte, wunderten sich die Verkäuferinnen: „Ostern ist doch längst vorbei“. Die orthodoxe Russin aber erwiderte fröhlich: „Bei uns steht es gerade erst vor der Tür!“ Larissa kommt aus Tschekjabinsk im Südural und lebt erst seit Kurzem in Münster. In ihrer kleinen Küche ist richtig was los: In zahlreichen Schälchen wird Streuzucker zum Kuchenverzieren gefärbt, im Topf kochen Eier in Zwiebelschalen. Und im Ofen reifen orthodoxe Osterkuchen, die Kulitschi.„Erst im Ausland wird einem klar, dass die Kirche nicht nur ein Ort für Gebete ist, sondern auch ein Stück Zuhause, das Verbindung in die Heimat herstellt“, erzählt Larissa. Besonders Ostern sei den Russen als Feiertag sehr wichtig, nicht nur in religiöser, sondern auch in kultureller Hinsicht. Orthodoxe Gläubige feiern die Auferstehung nach dem Julianischen Kalender 13 Tage später als Christen, in diesem Jahr fällt das Fest auf den 27. April. Junge und Alte, Gläubige und Atheisten, Städter und Dorfbewohner strömen an diesem Tag in die russischen Kirchen, um Seele und Gedanken zu säubern und neue Kraft zu sammeln.Bunte Eier, duftender Osterkuchen, alte Familienikonen – so muss das Heim zu Ostern für Larissa auch in Münster aussehen. Sie ist ein bisschen aufgeregt, schließlich ist es ihr erstes Osterfest in Deutschland. Vor einem knappen Jahr erst kam sie wegen der Familienzusammenführung nach Münster und musste sich erst einmal neu einfinden. Ihren Mann Pawel, einen Auswanderer aus Moskau, hatte sie vor vier Jahren in Münster kennen gelernt, durfte aber nach der Hochzeit nicht hier bleiben. Lange hat sie auf das Ja der Behörden gewartet, um wieder nach Deutschland einreisen zu dürfen.Dass sie endgültig die Heimat verließ, brachte große Umstellung und einen komplett neuen Alltag mit sich. Nun aber macht es Larissa aber richtig Spaß, das Osterfest vorzubereiten. Ihre kleine Tochter Mascha hilft in der Küche mit und staunt, wie sich der Hefeteig in der Schüssel langsam verwandelt. Sobald sich sein Volumen verdoppelt hat, vermengt Larissa ihn mit reichlich Butter, Zucker, Rosinen und Trockenfrüchten.„Mixer, Fertigmischungen und andere schnelle ‚Helfer’ lehne ich ab“, sagt Larissa resolut. Mit der Hand gerührt, aus natürlichen Zutaten bereitet und lange geruht gelingt der Kulitsch, der runde Osterkuchen am besten. Der größte Feiertag des Jahres duldet keine Hektik. Larissa rührt schneeweißen Zuckerguss um und bemalt mit feinem Pinsel die gekochten Eier.Sie erinnert sich daran, wie sie als kleines Mädchen gemeinsam mit der Schwester der Großmutter bei der Vorbereitung des Osterfestes half. „Wir konnten es kaum erwarten, am Ostersonntag die gelben Laibe nach dem Segen aus der Kirche abzuholen, sie aufzuschneiden und in kleinen Stückchen im Mund zergehen zu lassen“, erinnert sie sich an ihre Kindheit im russischen Tscheljabinsk.Seitdem hat die gelernte Musikpädagogin Ostern bereits in Bulgarien, Dänemark und nun eben auch in Deutschland erlebt. Die Eier als Zeichen des Lebens und des Neuanfangs hätten die Feste in allen Ländern gemeinsam, sagt sie. Im Gegensatz zu den anderen sei das russische Osterfest aber geselliger. „Man feiert nicht nur besonnen in der Familie und bringt die Eier zum Friedhof, sondern geht auch auf die Straße, begrüßt die Nachbar mit einem ‚Christus ist auferstanden!’, küsst sich drei Mal auf die Wange und tauscht Kuchen aus“, erzählt sie. Auch die Eierwette – ein heidnischer Brauch – gehört dazu. Zwei Leute stoßen hart gekochte Eier zusammen – und derjenige, dessen Ei nicht zerbricht, hat ein langes und gesundes Leben vor sich, heißt es.Auch in Münster versucht Larissa, einige der heimischen Ostertraditionen lebendig zu halten. Sie beginnt schon am Montag mit den Einkäufen, räumt am „sauberen Osterdonnerstag“ die Wohnung und den Hof auf und bleibt am Ostersamstag die ganze Nacht wach, um die die Fernsehübertragung der „Wsenoschnaja“, des orthodoxen Gottesdienstes, der die ganze Nacht hindurch dauert, nicht zu verpassen. Und wenn in Tscheljabinsk auch am Ostersonntag Minusgrade herrschen, schickt Larissa ein Stück Frühling und Wärme aus Münster in die Heimat.ENDENachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 30 83 11 87