Deutschland

Aussiedler vergessen ihre Muttersprache

(n-ost) - "Aljoscha, tuda, nein, sjuda, komm!" schimpft eine Mutter mit ihrem Sohn. So ein Mischmasch aus deutscher und russischer Sprache ist oft zu hören in den deutschen Orten, in denen viele Aussiedler und Emigranten aus Russland und der ehemaligen Sowjetunion wohnen. In der neuen Heimat wird ihnen immer wieder vorgeworfen, kein Deutsch zu sprechen. Doch ihre Kinder tun inzwischen das Gegenteil - sie können kein Russisch mehr.Es entwickelt sich zu einem Paradoxon: Kinder, deren Wiege in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion stand, sprechen Deutsch mit ihren Eltern, die Russisch als Muttersprache gelernt haben. Selbst die in Russland geborenen Geschwister fallen bei der Unterhaltung in der Familie immer wieder ins Deutsche. Ein Grund ist ihre Bequemlichkeit: Denn die deutschen Wörter kommen ihnen leichter in den Sinn, weil sie diese jeden Tag benutzen - in der Schule, im Kindergarten, in der Ausbildung.Der historische und der kulturelle Hintergrund spielt zusätzlich eine Rolle. Denn eine Abneigung gegenüber der Sprache ihres Ursprungslandes fällt bei den russisch-sprachigen Ausländern stärker als bei anderen Nationalitäten auf. Türken, Araber, Italiener und viele andere pflegen ihre Sprache sorgfältiger und geben sie an die Kinder weiter.Irina Rosenbaum, Russlanddeutsche aus Münster, sucht zurzeit eine Russischlehrerin, um ihren Kindern ihre eigene Muttersprache beizubringen. "Sie verstehen mich nicht, wenn ich mit ihnen Russisch spreche," sagt die Aussiedlerin aus Kasachstan, Pädagogin vom Beruf, die eine drei- und eine sechsjährige Tochter hat. Irgendwann habe sie versäumt, konsequent Russisch mit den Kindern zu sprechen. Unter anderem aus Angst, sie würden dadurch in Deutsch den anderen hinterher hinken.Dabei sind solche Befürchtungen unbegründet. "Nur selten entsteht die so genante Null-sprachigkeit bei den Kindern aus den ausländischen Familien", berichtet die Studienrätin Myriam Schrandt, die die Bilingualität zum Thema ihrer wissenschaftlichen Arbeit gemacht hat. Von Nullsprachigkeit spricht man, wenn zweisprachig aufwachsende Kinder keine von beiden Sprachen richtig beherrschen. Die Ursache für die Nullsprachigkeit sei aber nicht Überbelastung, sondern das unkonsequente Springen der Eltern von einer Sprache in die andere. Wenn die Bezugsperson die Sprachen mischt, bleibt beim Kind die Sprachkompetenz in beiden Sprachen aus, so Myriam Schrandt. Sie selber ist als Belgierin in Deutschland zweisprachig aufgewachsen und beherrscht deutsch und französisch perfekt.Olga Poljanska*, Kinderpsychologin aus der Ukraine, betont die Wichtigkeit der Kontakte in die zweite, verlassene Heimat für den Erfolg der zweisprachigen Erziehung. "Ich motiviere russische Kinder mit meinen Theatervorstellungen und Spielgruppen in russischer Sprache, aber die Eltern und ihre Beziehung zu Russland spielen die entscheidende Rolle", so Olga Poljanska. Sei die Beziehung gestört, seien die Kontakte abgebrochen, würde die zweisprachige Erziehung nicht klappen.Eugen Steinberg, gebürtiger Ukrainer, wohnt schon seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Unter den Spätaussiedlern ist er eher eine Ausnahme, denn mit seinen beiden Kindern spricht er nur Russisch und achtet darauf, dass sie auf Russisch antworten. "Schlechter Umgang mit der Muttersprache kommt auf jeden Fall vom Elternhaus," so Eugen. Manche von den Eltern würden die russische Sprache nicht pflegen, weil sie sich in Deutschland vollständig anpassen wollen. Die anderen glauben, so zu vermeiden, dass sie mit dem schlechten Image ihres Landes identifiziert werden. Genauso wie ihr Deutsch in Russland lange Zeit verpönt war, ist ihr Russisch in Deutschland nicht willkommen, denken viele Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion.So oder so verpassen sie die einmalige Möglichkeit, ihren Kindern zwei Sprachen in die Wiege zu legen. Außerdem ist es wirklich nicht schwer, Russisch in Deutschland zu vergessen: Laut statistischem Bundesamt ist das Angebot am regulären Russischunterricht im letzen Schuljahr bundesweit um fast 10 Prozent gesunken. In Nordrhein-Westfalen, trotz der Vielzahl der russisch-sprachigen Ausländer, steht Russisch gar an siebter Stelle."Es ist nicht mehr aktuell, die Sprache von Gorbatschow zu lernen, " sagt die stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der deutschen West-Ost-Gesellschaft Gudrun Wolf, die 20 Jahre lang Russisch am Gymnasium Münster-Wollbeck unterrichtete. Nach dem Aufschwung der 90er Jahre sei das Interesse an Russisch in der Bundesrepublik heute auf dem Stand der vom Kalten Krieg bestimmten 70er Jahre gelandet. Um diesem Trend zu vorzubeugen, schlägt Gudrun Wolf für Russisch ein Unterrichtsmodell für Begabte vor, das sie in Wollbeck jahrelang mit Erfolg anwendete. Für besonders begabte Schüler werden bei diesem Modell zwei Stunden wöchentlich für Russischunterricht frei gemacht.Gudrun Wolf unterrichtete 20 Jahre lang Russisch am Gymnasium Münster-Wollbeck. Foto: Daria BerezhnitskajaDa in den öffentlichen Schulen in Deutschland Russisch regulär nur noch selten angeboten wird , bleiben den russischen Familien für die Spracherziehung ihrer Kinder nur private Kurse. Diese nutzen aber nur die wenigsten. Sie sind teuer, Zeit aufwendig und angeblich inkompatibel mit dem deutschen Schulprogramm. Vom Recht auf individuellen muttersprachlichen Unterricht wissen die Wenigsten. Darüber geben aber die Schulämter Auskunft.Oftmals fehlt dem Nachwuchs von Aussiedlern und Emigranten die Motivation, die Sprache ihrer Eltern zu lernen. Der Bezug zum Land ihrer Geburt wird nicht aufgebaut, viele Auswanderer aus der Sowjetunion lassen die Kontakte in die Heimat verkommen. Für Kinder und Jugendliche wird es somit immer komplizierter zwei Ziele miteinander zu vereinbaren - deutsch zu werden und russisch zu bleiben.* Name geändertENDE Nachdruck und Weiterverwertung dieses Artikels sind kostenpflichtig. Informationen im n-ost-Büro unter (030) 259 32 83 - 0


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