Der Tisch muss unter den Speisen zusammenbrechen
Moskau (n-ost) – Die Neujahrsfeier in Russland ist traditionell der größte Feiertag im ganzen Jahr. Zu diesem Fest gehören mit Schmuck überladene Neujahrsbäume, Mandarinenduft, der unentbehrliche Salat „Olivier“ aus Eiern und Wurst und der Film „Ironie des Schicksal“ – der in Russland einen ähnlichen Kultstatus hat wie hierzulande „Dinner vor One“.
Es war aber einmal ganz anders: Das Neue Jahr feierte man im heidnischen Russland am 1. März (Frühlingsanfang), im altorthodoxen Russland - am 1. September (Erntezeit). Erst 1699 mit Peter dem Großen verschob sich der Jahresanfang auf den 1. Januar. Der westlich orientierte Zar ordnete das Feiern wie folgt an: „Man soll an dem Tag Tannen beschmücken, Schlitten fahren, Kinder auf Rutschen spielen lassen und sich anderweitig verlustieren.“ Schlägereien und Besäufnisse seien an Neujahr zu unterlassen, da es dafür an anderen Tagen im Jahr reichlich Gelegenheit gäbe.
Nach der Oktoberrevolution von 1917 schlug die Stimmung um. Der kommunistische Puritanismus und Atheismus ließ sich mit dem Neujahrsfeiern schlecht vereinbaren, deshalb waren Tannenbäume, Kerzen und andere kapitalistisch-religiöse Überbleibsel in der UdSSR zunächst verboten. Erst 1937 wurde das Fest aber rehabilitiert und als einziger Feiertag im sozialistischen Kalender verankert, der ohne ideologischen Hintergrund gefeiert werden durfte. Aber erst 1947 wurde der 1. Januar zum arbeitsfreien Tag.
Die wichtigsten russischen Neujahrssymbole sind Ded Moroz, Väterchen oder wortwörtlich Opa Frost, und seine Enkelin Schneeflöckchen. Ded Moroz wandert im dicken Mantel, Pelzmütze und Filzstiefeln, auf einen Eiszapfen gestützt durch die russischen Weiten und bringt die Geschenke. Den Neujahrsbaum beschmückt man reichlich und ohne Rücksicht auf stilistische Feinheiten mit buntem Lametta, Glaskugeln und selbst Gebasteltem aus Karton und Watte.
Das Neujahrsessen fällt sehr üppig aus: Alles, was man Stunden davor gedünstet, gebrutzelt und geknetet hat, kommt sofort auf den Tisch. Knoblauchkäsesalate wetteifern mit geschmorten Hähnchenkeulen, Leberpasteten streiten sich um den Platz mit eingemachten Auberginen und gefüllten Paprikaschoten, Backkartoffeln drängen sich an Heringe und eine Vielzahl von Getränken. Der Tisch muss unter der Speisenlast zusammenbrechen, sagen die Russen.
Der starke russische Aberglaube kommt auch am Neujahrsfest zum Ausdruck. Die zahlreichen Sprichwörter geben es wieder: „Wie man das Neujahr beginnt, so wird es das ganze Jahr bleiben“ und „Was man sich beim Läuten der Kuranten (der großen Kremluhr) wünscht, geht in Erfüllung.“ Insbesondere die weibliche Bevölkerung in Russland nutzt das Neujahrfest, um ihr Schicksal vorherzusehen. Beliebt sind „Zettelchen“, die man mit männlichen Namen beschriftet, unter dem Neujahrsbaum legt und um Mitternacht zieht. Der Name auf dem Zettel gehört laut Brauch dem zukünftigen Ehemann. Oder das beliebte „Gläserknobeln“. Man braucht dazu vier Gläser mit gesüßtem, gesalzenem oder purem Wasser und einem Ring. Im dunklen Zimmer werden die Gläser ausgewählt. Wer süßes Wasser bekommt, den erwartet ein Jahr ohne Kummer. Bei salzigem Wasser drohen Tränen. Pures Wasser deutet auf ein „leeres“ Jahr hin. Das Glas mit dem Ring lässt auf eine Hochzeit und ein langes Familienglück hoffen. In Russland wird auch der chinesische Kalender befolgt: Dem Tier, unter dem das Jahr steht, versucht man durch passendes Essen und Kleidung zu schmeicheln. Es gilt: Tigermuster, aber kein Tigerpelz im Jahr des Tigers, Möhrenspeisen auf dem Tisch im Jahr des Hasen, aber kein Hühnerfleisch im Jahr des Hahnes.
Längst sind religiöse Bräuche in Russland wieder im Aufwind, die Neujahrsfeier bleibt aber weltlich und verbindet alle Bürger der ehemaligen Sowjetunion sowie russische Auswanderer weltweit. Nach Israel, wo der Jahreswechsel anders gefeiert wird, lassen russischstämmige Juden extra Flugzeuge mit den nötigen Neujahrsutensilien und russischem Sekt einfliegen. Nicht anders sieht es in Deutschland aus, wo russische Auswanderer so manchen Kilometer zurücklegen, um süßen „Schmapanskoje“, wie der russische Sekt heißt, aufzutreiben. Das erste Glas füllt man bis an den Rand und stößt darauf an, dass alles Schlechte im alten Jahr zurückbleibt.
„Da in Russland 70 Jahre lang offiziell außer Neujahr nur ideologische Feiertage existierten, holen die Russen ihre Feierlust am Jahres Anfang für die restlichen 364 Tage nach“, erklärt Pawel Wolodarski, der seit zehn Jahren in Deutschland lebt. An der deutschen Art zu feiern, vermisse er die familiäre Atmosphäre und die Erwartung eines Wunders. Beides hat sich wie so vieles andere auch in der langen Zeit des Kommunismus vom seinerzeit verpönten Weihnachtsfest auf das Neujahrsfest übertragen.
Ende
Daria Berejnistkaia