Politik / Belarus

„Das Zwischenmenschliche comes first“

Nicht alles liegt dort, wo man es vermutet. „Belarus befindet sich in einem anderen Zimmer. Folgen Sie mir.“ Norbert Randow, weißes Haar und strahlende Augen, erhebt sich von seinem Stuhl und stapft los. Aus dem Bulgarien-Zimmer, in dem der Slawist und Übersetzer die wohl umfangreichste Sammlung zur bulgarischen Literatur jenseits Bulgariens hortet, geht es über ein kurzes Stück Flur der Altbau-Wohnung in Berlin-Moabit, dann durch eine große Küche, hinein in einen langen schmalen dunklen Gang, bis man schließlich in Randows „Belarus“ steht.

Ein schmales Zimmer, dessen weiße Wände mit hohen Buchregalen bestellt sind. Links belarussische Literatur im Original. Darunter Gesamtausgaben von Klassikern wie Jakub Kolas oder Vassil Bykau, komplette Sammlungen weißrussischer Periodika wie Arche oder Literatura i Mastactva. In einem kleineren Regal neben dem Fenster stehen die Bücher, die es in eine deutsche Übersetzung geschafft haben. Viele sind es nicht. In der Mitte des Zimmers Kartons mit Büchern, Zeitschriften, daneben ein paar Stühle. „Ich habe einfach keinen Platz mehr“, raunt Randow und rückt zwei Stühle auf engem Raum zurecht. „Belarus breitet sich immer weiter aus.“

Literarische Terra incognita

Das dürfte allerdings nur bei Randow der Fall sein. Denn belarussische Literatur muss man hierzulande immer noch wie die Nadel im Heuhaufen suchen. Zwar hat der Suhrkamp-Verlag in den vergangenen Jahren mit Artur Klinaus „Sonnenstadt der Träume“ und Valzhyna Morts „Tränenfabrik“ zwei Bücher jüngerer weißrussischer Literatur veröffentlicht, aber de facto ist belarussische Literatur so gut wie nicht existent. Ebenso wie das Land selbst, das für viele entweder eine „terra incognita“ oder „die letzte Diktatur Europas“ ist.

Sowohl auf dem deutschen Buchmarkt als auch in der deutschsprachigen Slawistik wird der weißrussischen Literatur nur sehr wenig Aufmerksamkeit geschenkt. „Das Weißrussische“, sagt Randow, „ist das Stiefkind der Slawistik.“ Selbst die Ukrainische Literatur habe es im deutschsprachigen Raum ja sehr schwer, räumt er ein. „Dabei hat die ja deutlich mehr Gewicht als die Belarussische.“ Die Gründe für die schwierige Stellung des Weißrussischen im deutschsprachigen Raum sind für Randow klar. „Abgesehen von der üblichen Arroganz und Ignoranz, mit der man Belarus begegnet, ist die politische Situation in Belarus nicht förderlich - für die Entwicklung der Literatur selbst, wie auch für ein Interesse hinsichtlich der Literatur von Außen. Zudem haben sich hier einfach noch nicht viele daran gewöhnt, dass Osteuropa nicht nur aus Russland und Polen besteht.“ Im riesigen Schatten Polens und Russlands sei das Überleben für solche Pflänzchen, wie es das Belarussische ist, sehr mühselig und schwierig. Und zu diesen Gründen müsste man folgenden ergänzen: Wo kann man in Deutschland schon belarussisch lernen?

Randow versteht die Beschäftigung mit weißrussischer Literatur deshalb als einen europäischen Auftrag. „Wir müssen unsere Nachbarn besser kennenlernen in Europa. Und dabei hilft die Literatur ungemein. Nur so können auch wir besser verstehen, wo wir in Europa stehen.“ Um das zu erreichen müsste ein Fundament gelegt werden. „Und zwar mit weißrussischen Klassikern wie Maxim Harecki, Kolas oder Lukasch Kaljuba. Es reicht nicht, nur junge Autoren zu veröffentlichen.“

Klassiker aus DDR-Zeiten

Die wenigen weißrussischen Klassiker, dies es auf Deutsch gibt, sind vor allem zu DDR-Zeiten erschienen. Von Bykau (1924-2003), der sich in seiner Literatur auf die moralische Orientierung des Menschen in existentiellen Situationen wie dem Krieg konzentriert, gibt es zwar nicht das vollständige Werk, aber immerhin eine umfangreiche Auswahl in deutscher Sprache. Diese Auswahl beruht allerdings häufig auf den „selbstzensierten Texten“, die Bykau – die sowjetische Zensur im Nacken – selbst entschärft hatte. Erst gerade erscheint eine „gesäuberte“ Gesamtausgabe Bykays neu in Weißrussland – auf Weißrussisch.

In Deutschland wurde Bykau, der häufiger als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wurde, seit fast 20 Jahren nicht mehr neu aufgelegt. So muss man lange in Antiquariaten suchen, um weißrussische Literatur in deutschen Übersetzungen zu finden. So wie beispielsweise die schöne Ausgabe der „Märchen des Lebens“ von Kolas, die Randows Schwester Gundula übersetzte, oder die bis heute umfangreichste Anthologie klassischer weißrussischer Erzählungen „Die junge Eiche“, die Randow 1987 für den Reclam-Verlag erarbeitete. Randow ist einer der wenigen, die sich hierzulande derart intensiv dieser unbekannten Literatur gewidmet haben. Unter den Wenigen gilt Randow als der Doyen der weißrussischen Literatur im deutschsprachigen Raum.

In Weißrussland verbotene Autoren

Der 1929 in Neustrelitz geborene Randow ist ein Überzeugungstäter. „Ohne persönliche Kontakte und Interesse mache ich nichts“, sagt er. „Das Zwischenmenschliche comes first.“ So kam Randow auch zu Weißrussland. Als der ehemalige Mitarbeiter der Humboldt-Universität 1965 aus dem Gefängnis entlassen wurde (er war wegen angeblicher „staatsgefährdender Hetze“ und „Beihilfe zur Republikflucht“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt worden), traf er auf seinen Schwager. Seine Schwester hatte, als Randow im Gefängnis saß, einen Belarussen geheiratet: Uladzimir Tschapeha. Zusammen mit ihm las Randow sein erstes Buch von Bykau „Die Toten haben keine Schmerzen“. „Mich interessierten zunächst einmal die Autoren, die in Weißrussland verboten waren und die unter Stalin ermordet wurden. Und da gab es ja einige.“

Weil sich in der DDR niemand mit weißrussischer Literatur auskannte, konnte Randow viele der in der Sowjetunion verbotenen Autoren in seiner Heimat veröffentlichen. Und weil Randow in seinen Stasi-Akten den Vermerk hatte, der besagte, dass man den Slawisten nach seiner Verurteilung nicht anstellen durfte, arbeitete er seit seinem Gefängnisaufenthalt als freier Übersetzer, Lektor und Herausgeber von weißrussischen, bulgarischen, russischen oder altkirchenslawischen Büchern. „Damit haben die mir ja eigentlich einen großen Gefallen getan“, lacht er. „So konnte ich machen, was ich wollte und mich unbehelligt meinen Interessen widmen.“ Erst nach der Wende wurde Randow, der auch zur Zeit der DDR viele Freundschaften mit Dissidenten, Intellektuellen und Künstlern pflegte, von einem Gericht rehabiliert und kehrte 1993 sogar als Gastprofessor für bulgarische und weißrussische Literatur an seinen alten Arbeitsplatz an der Humboldt-Universität zurück. 2001 wurde er schließlich mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt.

In die Hauptstadt, nach Minsk, war Randow 1975 das erste Mal gereist. Dort machte er schnell die Bekanntschaft von Autoren wie Uladzimir Karatkewitsch, Janka Bryl, Ales Razanau oder eben Bykau, mit dem er befreundet war. Der neben Ryhar Baradulin bekannteste lebende weißrussische Schriftsteller, Uladzimir Arlou, schickt ihm bis heute regelmäßig Bücher und Zeitschriften. „Ich bemühe mich auf dem Laufenden zu bleiben“, sagt Randow. „Nur bei den jungen Weißrussen gelingt mir das nicht mehr so gut.“ 2006 gelangte Randow sogar in die internationale Presse, als er eine Originalbibel des ersten ostslawischen Buchdruckers Franzyschak Skaryna in der Görlitzer Bibliothek entdeckt hatte. Die Titelseite einer weißrussischen Zeitung, die Randow mit seinem Sensationsfund zeigt, hängt in seiner Wohnung – und zwar auf dem Klo.

Der größere Teil von Randows literarischer Leidenschaft gehört bis heute allerdings nicht Belarus, sondern Bulgarien. Zum 80. Geburtstag, den Randow Ende November feierte, schrieb der bulgarische Autor Milen Radev. „Es gibt nur wenige Freunde unseres Landes, die ihr persönliches und berufliches Leben auf so ehrliche und tiefgründige Weise mit Bulgarien verbunden haben. Eigentlich kann Norbert Randow gar nicht zu ihnen gezählt werden, weil es nicht richtig wäre, ihn einen Freund Bulgariens zu nennen. Für mich ist Norbert schlicht und einfach ein Bulgare aus Norddeutschland.“ Sicher könnte man das auch über den „weißrussischen“ Randow sagen.

Randow steht auf und verlässt die Weißrussland-Bibliothek, die einmal eine Universität erben soll. Mit einem Manuskript in der Hand kommt er zurück. „Das ist das Schlüsselwerk der weißrussischen Literatur“, sagt er. „Maxim Hareckis ,Zwei Seelen´“. Randow hat es übersetzt. Nun sucht er einen Verlag – nicht irgendeinen. „Das Buch muss von einem großen, einem bedeutenden Verlag herausgegeben werden“, sagt er. „Damit Weißrussland endlich wahrgenommen wird.“


Bücher von Norbert Randow (Auswahl)

  • Störche über den Sümpfen. Belorussische Erzähler, Berlin 1971Die junge Eiche. Klassische belorussische Erzählungen, Leipzig 1987 Jakub Kolas. Märchen des Lebens, Berlin 1988
    Bulgarische Erzählungen des 20. Jahrhunderts, Frankfurt/Main 1996
    Bulgarische Erzähler, Berlin 1961

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