Slowakei

Heilquellen mit Luxusfaktor

Vorsichtig schlürft Otto Halber aus seiner mitgebrachten Tasse. Etwa 70 Grad hat das heiße Wasser darin und es riecht so, dass man es eigentlich lieber nicht trinken würde. Aber Halber weiß um die Wirkung des schwefelhaltigen Quellwassers und trinkt es tapfer, wie an einer Tasse zu heißen Tees. Der 78-Jährige leidet unter Arthritis und ist zur Kur im slowakischen Heilbad Piestany.

Längst hat sich die Slowakei als Tipp für Rheumakranke, Arthritisleidende, Sportverletzte und andere Kurbedürftige herumgesprochen. Das „kleine große Land“, wie die Tourismuszentrale wirbt, hat 1.300 erfasste Heilquellen und 22 Thermalbäder. „Selbst das Leitungswasser hierzulande ist hervorragend“, verspricht der Leiter der Tourismuszentrale, Frantisek Stano.


Weniger glamurös als Karlsbad

Trotzdem wurde die Slowakei als Thermenland lange Zeit unterschätzt. Denn während etwa das tschechische Karlsbad von russischen Investoren schon längst wieder zu einer Attraktion auch für die Schönen und Reichen aus aller Welt aufgepäppelt wurde, konzentrierte man sich in der Slowakei mehr auf den weniger glamourösen medizinischen Aspekt der Heilbäder. „Den internationalen Wellness-Trend hat die Slowakei schlicht verschlafen, da sind uns beispielsweise die Ungarn um Jahre voraus“, sagt Stano: „Wir setzen daher lieber auf unser eigenes Spezialgebiet: seriöse medizinische Betreuung.“

Auch in der Slowakei gibt es normale Erholungskuren, etwa im Kurbad Bojnice, das erst 2009 fertig gebaut wurde. Hier gibt es hochmoderne Geräte wie ein Unterdruck-Laufband, mit einer Neoprenschürze abgedichtet, die den vierfachen Fitness-Effekt eines herkömmlichen Laufbands verspricht oder eine Massagemaschine zur Lösung von Körperfett. Junge Familien können Thermalbäder wie den „Funpark Tatralandia“ besuchen, mit neun verschieden steilen Wasserrutschen und einem gläsernen „Tropischen Paradies“. Aber überall, selbst in Rajecke Teplice, das mit seiner ausgedehnten Saunalandschaft und dem dunkelblau ausgeleuchteten Thermalschwimmbecken eher junge Leute anzieht, wird ein Eingangsbesuch bei einem speziell qualifizierten Arzt empfohlen. Der schreibt erst nach einer Untersuchung individuelle Kurpläne, genau abgestimmt auf die Beschwerden beziehungsweise die Fitness der Patienten.


Ein drittel der Gäste kommt aus Deutschland

Vier Anwendungen pro Tag sind die Norm in Piestany. „Das ist harte Arbeit hier, abends bin ich immer völlig erschöpft“, sagt Otto Halber. Heute begann sein Kurtag bereits um sieben Uhr. Zehn Minuten im 39 Grad warmen Spiegelbad lassen das Herz bereits ganz schön pumpen, auch wenn der Besucher so ruhig sitzen soll, dass er sein eigenes Spiegelbild im Wasser sieht. Im noch wärmeren Schlammbecken kann er sich zumindest dadurch ablenken, dass er mit den Füßen den knöcheltiefen Schlamm vom Beckenboden klaubt und sich damit einreibt. Dann noch dreißig Minuten in Decken eingewickelt schwitzen – und der Körper schreit eigentlich nur noch nach einem Bett. Für schwache Herzen ist das nichts – und eben darauf muss der Arzt achten.

Auf die Frage, ob er denn den slowakischen Ärzten vertraue, schüttelt Otto verständnislos den Kopf: „Selbstverständlich! Der Arzt hier kennt doch das Heilwasser am besten. Und er spricht fließend Deutsch.“ Deutsch ist neben Englisch und sogar Hebräisch wichtig in Piestany, denn etwa ein Drittel der Kunden kommt aus Deutschland. Hier zahlen die Krankenkassen etwa 60 Prozent und selbst mit vierzig Prozent Eigenbeteiligung kostet der Aufenthalt hier für Otto nur rund halb so viel wie eine Kur in Deutschland.

Und er würde kein vergleichbares Thermalbad finden, denn die schwefelhaltige, mineralienreiche Zusammensetzung des Piestany-Schlamms ist in Europa einzigartig. Das ist auch für die österreichischen Kassen ein Argument. Die Pensionsversicherungsanstalt unterstützt vornehmlich Kuren innerhalb Österreichs – es sei denn, der Aufenthalt in einem slowakischen Bad verspricht bessere Erfolge. Und dass das in Piestany der Fall ist würde Otto Halber jedenfalls immer unterschreiben. Seit 1997 ist er bereits zum 17. Mal hier, meist kommt er einmal pro Jahr. Grinsend sagt er: „Und wenn ich es mir leisten könnte, wäre ich noch viel öfter hier.“


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