Estland

Fiebern mit den Babuschkas

Beim ersten Halbfinale des Eurovision Song Contest am Dienstag war Estland nicht stimmberechtigt. Viele Esten verfolgten die Show in Baku jedoch vor Fernsehern oder in Kneipen – und hofften von ganzem Herzen auf einen Finaleinzug für Russland. Schuld daran sind acht alte Damen aus einem winzigen Dorf namens Buranowo. Die „Buranowskije Babuschki“, Omas aus Buranowo, treten in traditionellen Trachten auf und singen auf Udmurtisch – einer mit dem Estnischen verwandten Sprache, die von einer halben Million Menschen am Ural gesprochen wird. 

Auch die Udmurtin Musch Nadii fiebert in einer Tallinner Altstadtkneipe mit den rüstigen Omas mit. Sie ist in Russland geboren und wohnt seit fünf Jahren in Estland. Extra für den großen Tag hat sie sich ein neues Kleid geschneidert, nach traditionellen udmurtischen Mustern. Um den Hals trägt sie eine silberne Kette mit Münzen, wie die Babuschki. Sie freut sich, als Russland als vorletztes von zehn Ländern ins Halbfinale einzieht.

Die Beziehungen zwischen Russland und Estland sind eigentlich problematisch. Die Erinnerung an Russifizierungsversuche zu Sowjetzeiten sitzt tief, und so stehen in der kleinen Ostseerepublik westliche Kulturimporte höher im Kurs als solche vom großen östlichen Nachbarn. Doch gerade die kleine Gruppe der Udmurten könnte eine Brückenfunktion übernehmen.

Udmurtisch gehört zur Familie der finno-ugrischen Sprachen und ist damit neben Ungarisch und Finnisch auch mit dem Estnischen verwandt. Aus diesem Verwandtschaftsgefühl heraus unterstützt Estland als Teil seiner Außenpolitik kleine finno-ugrische Völker in Russland – neben den Udmurten sind das beispielsweise Mari, Komi oder Mordwinen.

Mehr als 400 Udmurten leben in Estland, einige bereits seit Sowjetzeiten. Musch Nadii beispielsweise kam mit einem Stipendium zum Studieren in die Baltenrepublik. Jetzt hat sie eine Doktorarbeit begonnen, übersetzt estnische Literatur ins Udmurtische und umgekehrt, schreibt Gedichte und bringt den Esten mit Sprach- und Kochkursen ihre Heimat näher.

„Estland ist ideal für mich“, erzählt Nadii, „hier spreche ich mehr Udmurtisch als in meiner Heimat. Ich möchte gerne bleiben, aber für Russen ist es schwierig, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen.“ Dass Russland jetzt in Europa durch ein udmurtisches Lied vertreten ist, bedeutet viel für Nadii. Dennoch glaubt sie nicht daran, dass die russische Regierung die Minderheit deshalb in Zukunft besser behandeln wird. „Die imperialistische Denkweise in Russland hat sich nicht geändert“, sagt sie. In ihrer Heimat könne sie beispielsweise nur auf Russisch, aber nicht auf Udmurtisch Geld am Automaten abheben.

Anzeichen für einen Wandel im Umgang mit Minderheiten sieht dagegen der estnische Ethnologe Aimar Ventsel: „Früher haben sich viele Russen geschämt für die vermeintlich zurückgebliebenen Menschen aus der Provinz, die eine andere Muttersprache als Russisch haben. Nun aber sieht man sie mit Stolz als einen Teil des Landes an.“ Dies sei auch ein Wandel von einer nationalen, russischen zu einer eher staatsbürgerlichen, modernen Identität. Ausgerechnet den vielgescholtenen Präsidenten Putin sieht Ventsel als Garanten für diesen Wandel – im Gegensatz zu nationalistischen Kräften. So habe sich Putin gerade im Wahlkampf für den „Vielvölkerstaat“ Russland stark gemacht. 

Für die Udmurtin Musch Nadii steht fest: Am Samstag, zum Finale, wird sie mitzittern mit den „Buranowskije Babuschki“, den Rentnerinnen aus dem fernen Udmurtien, die sich so plötzlich in der Favoritenrolle wiederfinden.

Vielvölkerstaat Russland
Von 142,9 Mio. Einwohnern Russlands bezeichneten sich bei der Volkszählung 2010 111 Mio. (80,9%) als Russen. Die größte Minderheit stellen mit 5,3 Mio. (3,87%) die Tataren. 552.000 Udmurten stellen 0,4% der Bevölkerung Russlands. In der Republik Udmurtien, einem von 83 sogenannten Subjekten der Russischen Föderation, ist Udmurtisch neben dem Russischen Amtssprache.


Weitere Artikel