Polen

Geduldsprobe für die Fans

Lastwagen, Privatautos und Busse schieben sich am Grenzübergang Medyka über die polnisch-ukrainische Grenze. Fahrer hängen gelangweilt hinter dem Steuer, Händler winden sich zwischen den Stoßstangen und versuchen, Wodka oder Zigaretten an den Mann zu bringen. Medyka, im Südosten Polens gelegen, ist der meistfrequentierte Grenzübergang zwischen Polen und der Ukraine. Er ist zu dem ein Posten an der EU-Außengrenze.

Während der EURO 2012 müssen alle Fans, die aus Ostpolen kommen und sich in der ukrainischen Austragungsstätte in Lwiw (Lemberg) ein Spiel anschauen wollen, über diese Grenze. Im Schnitt brauchen die Autofahrer hier sechs Stunden, ehe sie die Pass- und Zollkontrolle hinter sich haben. Für die Ukrainer ist es noch komplizierter: Sie brauchen für die Spiele in Danzig, Warschau, Breslau oder Posen ein Visum. Der Weg über die Grenze könnte deshalb zum größten Ärgernis für die Fußball-Fans werden.

Der polnische Grenzbeamte Robert Inglot und seine Kollegen sind sich der angespannten Situation bewusst und arbeiten seit Monaten an einer Strategie. Zum einen soll der „One-Stop-Übertritt“ eingeführt werden: Bisher gab es eine Station für die Passkontrolle, eine zweite für den Zoll. Nun ist geplant, dass die Grenz- und Zollbeamten in einem Häuschen sitzen und die Autos nur noch einmal anhalten müssen. „Zum anderen“, ergänzt Inglot, „gibt es sogenannte „Grüne Streifen“, wo jene durchfahren, die nichts zu verzollen haben. Wenn sich die Ukrainer darauf einlassen, könnten wir diese Streifen während der EM ausschließlich für die Fans freigeben.“

80 Kilometer südlich der polnischen Grenze, in der ukrainischen Stadt Lwiw, sitzt Bürgermeister Andriy Sadovyi an seinem massiven Schreibtisch. Er ärgert sich vor allem über den Visazwang für Ukrainer. Hinter ihm hängt ein Poster, das seine Stadt als EM-Austragungsort bewirbt. Man fühle sich Europa hier sehr verbunden, so nah an der Grenze. „Kein EU-Beamter kann mir erklären, warum Bürger aus Venezuela, Paraguay oder Honduras frei in die EU einreisen können, Ukrainer aber ein Visum haben müssen“, klagt der 43-Jährige. Als offizielle Begründung erhält Sadovyi die Antwort, man wolle Schwarzhandel oder illegale Migration bekämpfen. Er lässt dieses Argument nicht gelten: „Wer es darauf anlegt, in die EU zu kommen, kommt so oder so hinein.“ Zur Not nämlich über die grüne Grenze, also über den Abschnitt, den kein Zaun absperrt.

„Wir kennen die Befürchtungen, dass die illegale Einwanderung während der EM zunehmen könnte, weil das Personal an den offiziellen Übergängen eingesetzt wird“, sagt der polnische Grenzbeamte Krzysztof Dyl, verantwortlich für den Grenzabschnitt in Huwniki, rund 30 Kilometer südlich von Medyka. Doch er versichert: Kontrolllücken in den Wald- und Bergregionen wird es nicht geben. Es sollen zusätzliche Beamte eingesetzt werden, die das Gebiet rund um die Uhr überwachen. Wie viele es sein werden, das steht im Moment noch nicht fest.

Es hänge auch davon ab, gibt Robert Inglot zu bedenken, wie gut die Mannschaften beider Länder spielen. „Natürlich, je weiter die Teams innerhalb der EM kommen, umso mehr Fans werden auch die Grenze in beide Richtungen überqueren. Das heißt dann automatisch mehr Arbeit für uns.“ Doch im Moment seien sie alle noch sehr entspannt. Denn – so ein beliebter Witz unter den Kollegen auf beiden Seiten – weder die polnische noch die ukrainische National-Elf werde über die Gruppenphase hinauskommen.


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