Ukraine

Was bleibt vom Maidan?


Illustration: Anatoliy Belov

Yevgenia Belorusets

Die Protestbewegung des Maidan begann vor anderthalb Jahren in Kiew und vor einem Jahr stürzte Janukowitsch über sie. Diese Bewegung hat nicht nur unser politisches Leben, sondern auch unseren Alltag grundlegend verändert. Der Maidan ist die Demarkationslinie zwischen unserer Vergangenheit und der Gegenwart, in der wir leben.


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Haben wir die Kraft und besteht die Notwendigkeit, heute zurückzublicken und darüber nachzudenken, was wir mit diesem Protest verbinden und was er uns bedeutet?

Kann ein Gespräch über den Maidan uns helfen, den Krieg zu verstehen, der immer mehr Aspekte unseres Lebens überlagert?

Roman Dubasevych
„Der Krieg hat dem Maidan ein tragisches Ende gesetzt“


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Ich gestehe, dass mich die Frage, was „nach dem Maidan bleibt“, unangenehm berührt. Sie klingt wie ein Abgesang auf einen Maidan, dessen Losungen schon vergessen sind und dessen Vermächtnis verschleudert wurde.

Dennoch: Wie die Menschen immer wieder zusammenkamen, wie sie ausharrten und wie gut sie zusammenarbeiteten – all das bezeugt die Entstehung einer gesellschaftlichen Bewegung. Der Krieg hat ihr ein tragisches Ende gesetzt.

Das Bürgerengagement des Maidan hinterließ das unbeschreibliche Gefühl einer gemeinsamen Sache, einer echten res publica, einer riesigen Gemeinschaft, der es zumindest zeitweise gelungen war, Angst, Entfremdung und Ausweglosigkeit zu überwinden.

Warum mussten die Ereignisse in Kiew trotz der vielen positiven Gefühle in einer Tragödie und blutigen Konfrontation enden? Diese Frage lässt uns keine Ruhe. Warum folgte auf die erste „himmlische Hundertschaft“ in Kiew eine zweite, dritte, zehnte und fünfzigste in der Ostukraine?

Wie Boris Chersonskij betont, waren für die Eskalation grundsätzlich die damaligen Machthabern verantwortlich, die sich demonstrativ über die Forderungen der friedlichen Bürger hinwegsetzten und durch den Einsatz der „Tituschki“ Gewalt provozierten. Wenn wir die Ideen des Maidan bewahren wollen, müssen wir aber auch fragen: War in ihm neben Solidarität und Menschlichkeit auch der Keim eines künftigen Krieges angelegt?

Nach Monaten ergebnisloser Straßenproteste wurde hie und da Unzufriedenheit laut. Man war enttäuscht von den Anführern der Oppositionsparteien und warf ihnen Unfähigkeit, ja Verrat vor! In der Tat wirkten sie recht hilflos. Das war der Nährboden für den Mythos vom „konsequenten“ und „effektiven“ „Rechten Sektor“ und den Fackelzug der rechtsradikalen „Swoboda“-Partei.


Was wir dem Maidan schulden

Eine bis zwei Wochen vor den blutigen Ereignissen auf dem Maidan sprach ich lange mit einem Freund aus dem westukrainischen Lwiw. Er hielt es für notwendig anzugreifen und verwies auf die Brutalität der Herrschenden und die wachsende Opferzahl unter den Demonstranten. Ich wollte ihn davon überzeugen, dass es beim friedlichen Protest bleiben müsse. Angesichts der unabweisbaren Gewalt von staatlicher Seite gab ich irgendwann auf und stimmte ihm zu.

Wenige Wochen später geschah das Unabwendbare.
Der Rest ist Geschichte. Geblieben ist, was wir dem Maidan schulden: Wir müssen versuchen zu begreifen, dass vox populi nicht immer vox dei ist.

Roman Dubasevych, Kulturwissenschaftler aus Lwiw (Lemberg), hat in Regensburg und Greifswald studiert und derzeit eine Vertretungsprofessur an der Universität Greifswald inne. Er beschäftigt sich unter anderem mit Erinnerungskultur und Postmoderne.

Boris Chersonskij
„Eine Alternative, die man erprobte


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Ich habe von Anfang an mit der Protestbewegung auf dem Maidan sympathisiert.

Der Maidan kam mir vor wie ein Experiment zu der Frage, wie Demokratie in der Ukraine funktionieren könnte. Das Modell, das man erprobte, war vielleicht ein wenig primitiv, dafür aber echt – im Gegensatz zum vorab bekannten Ergebnis gefälschter Wahlen.

Vielleicht gehört das nicht ganz hierher, aber einmal hörte ich zur Zeit von Wahlen in einem Sammeltaxi eine aufgeregte und wütende Unterhaltung zwischen zwei Frauen, die offenbar Lehrerinnen waren. Sie hatten einen ganzen Samstag lang Wahlzettel fälschen müssen. Entscheidend ist, was genau die Frauen daran so empörte: Sie hatten für diese „Arbeit“ keinen Freizeitausgleich bekommen! Die beiden unterhielten sich lautstark. Keiner der übrigen Fahrgäste reagierte.

Damals dachte ich: Solange solche Lehrerinnen unsere Kinder erziehen, hat das Land keine Perspektive. Der Maidan zeigte mir, dass es eine Alternative gab.

Ich war immer für die europäische Integration, sah darin aber eher ein Ideal oder einen Orientierungspunkt als ein reales Ziel. Mit Russland verbanden mich die Kultur, der ich angehöre, die Sprache, die ich spreche und in der ich Gedichte und Prosa verfasse, die Religion. Und ich hatte meine Illusionen: Gemeinsam mit Russland in Richtung Europa schreiten – warum nicht?


Für Russland unerträglich

Angesichts der Entwicklung in Russland und des verknöcherten Regimes unter Putin begriff ich, dass eine Annäherung an Europa nicht mit, sondern nur gegen Russland denkbar war und dass wir in diesem Falle mit dem maßlosen Zorn unseres Nachbarn im Norden zu rechnen hatten. Viele meiner nach 2008 entstandenen Gedichte enthalten Vorahnungen einer militärischen Auseinandersetzung.

Der Maidan wurde für Russland unerträglich. Heute wird er der Öffentlichkeit als Ursprung allen Übels hingestellt.

Dabei war der Euromaidan im Grunde nur eine Reaktion auf die nicht hinnehmbare politische Kehrtwende Janukowitschs weg von Europa und hin zur Zollunion. Alles weitere war eine Reaktion auf die Gewalt, die vom Regime Janukowitschs ausging – einschließlich der Verabschiedung antidemokratischer Gesetze und, wie wir mittlerweile wissen, des Befehls, auf die Demonstranten des Maidan zu schießen. Den Krieg in der Ostukraine empfinde ich als Fortsetzung jener schicksalhaften Nächte und Tage auf dem Maidan.

Boris Chersonskij, Dichter und Arzt aus Odessa, war zu Sowjetzeiten ein wichtiger Vertreter des Samisdat. Für seine russischsprachige Lyrik erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, auch in Russland. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Gedichtband „Familienarchiv“ (Wieser 2011). Anfang Februar dieses Jahres explodierte vor seiner Wohnung eine Bombe, die unbekannte Attentäter dort deponiert hatten.

Olena Stepova
„Mit dem Maidan begann der Informationskrieg


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Wie oft habe ich mich schon gefragt, wann und wie und warum der Krieg begann?

Mit der ersten Demonstration bei uns in Swerdlowsk im Gebiet Lugansk und mit dem ersten Schuss traf mich die Frage nach dem Warum heftiger als ein elektrischer Schlag. Und das ging nicht nur mir so.

Während des Maidan sprach ich mit meinen Nachbarn. Diese Bergarbeiter sagten: „Recht so, Janukowitsch und seine Leute muss man davonjagen“. Einen Monat später hörte ich von denselben Leuten: „Der Maidan ist an allem schuld“ oder „Alles wäre gut, gäbe es den Maidan nicht“.

Woher der Sinneswandel? Warum fand der Maidan, mit dem unser Land ehrenvoll seinen Rubikon überschritten hatte, in der Donbass-Region keine massenhafte Unterstützung?

Es ist ganz einfach. Mit dem Maidan begann der Informationskrieg. Ich habe gesehen, wie er im Donbass aufrechte Patrioten zu Zombies gemacht hat, die alles Ukrainische zu hassen begannen, wie Ideen untergeschoben wurden, wie Informationsblockaden und Propaganda ihre Wirkung taten.

Die von der „Partei der Regionen“ kontrollierten regionalen Zeitungen brachten Schlagzeilen wie: „Maidan-Anführer wollen Donbass vernichten“, „Turtschinow streicht Bergarbeiterrenten“, „Aufbesserung des Staatshaushalts durch Zwangsorganspenden der Ukrainer in die USA“, „Maidan fordert Schließung aller orthodoxen Kirchen“.


Wer brauchte diese Lügen?

Alle im Donbass haben Derartiges gelesen. Freunde wurden so zu Feinden, die mit finsterer Miene erklärten, dass man Milizen aufstellen müsse. Und schon hörte ich: „Unsere Bergwerke geben wir nicht her!“

Wer brauchte diese Lügen? Die Machthaber fürchteten, dass die Bergleute im Donbass die Wahrheit über den Maidan erfahren und ihn unterstützen könnten. An einem freien, einigen, selbstständig entscheidenden Volk hatten die Oligarchen und natürlich auch Russland kein Interesse.

Die Erkenntnis, den Informationskrieg verloren zu haben, bleibt als Nachgeschmack vom Maidan. Erst nach Kriegsausbruch wurde mir bitter bewusst, wie man die Menschen durch Fehlinformationen manipuliert hatte.

Der bittere Nachgeschmack der Lüge holte auch jene ein, die sich auf Seite der Separatisten gestellt hatten. Die Donbass-Region sah, dass die Krim von Russland nichts bekam. Und für sie selbst gab es den „humanitären“ Schauer der Grad-, Smertsch- und Uragan-Raketen.

Olena Stepova nannte sich vor dem Krieg noch russisch Jelena Stepanez. Sie lebt in Swerdlowsk, einer Stadt im Gebiet Luhansk. Seit Ausbruch des Krieges im Donbass betreibt sie mehrere Blogs, in denen sie ihre Beobachtungen über Stimmung und Befindlichkeiten der Menschen in der Ostukraine mitteilt.

Ivan Yakovina
Kiew hat im Donbass versagt“


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Die Revolution in der Ukraine hatte nicht nur politischen, sondern auch zivilisatorischen Charakter. Als ein in Lwiw lebender russischer Bürger konnte ich das vom ersten Tag an spüren. Am 21. November 2013 versammelten sich auf dem zentralen Platz der „Hauptstadt des ukrainischen Nationalismus“ mehrere hundert Menschen. Mich, den Russen, haben dort alle freundlich begrüßt.

Zuvor bedeutsame Fragen der Identität oder Sprache spielten plötzlich keine Rolle mehr. An ihre Stelle trat das Thema einer Annäherung der politischen, sozialen und kulturellen Standards der Ukraine an diejenigen Europas. Der Maidan selbst zeigte das beispielhaft: Die Menschen versammelten sich dort nicht auf Befehl von oben und nicht einmal aufgrund entsprechender Aufrufe der Opposition, sondern eigenständig und dank einer beeindruckenden Selbstorganisation.

In jenem Herbst entstand eine Bewegung, die alle einschloss, keinen Fremdenhass kannte und auf horizontalen Vernetzungen und liberalen europäischen Werten beruhte. Wichtig ist auch, dass sie sich ideologisch nicht nur gegen die gerade herrschenden Personen stellte, sondern gegen das gesamte, in der Ukraine etablierte kleptokratische System.


Ein gewaltiger Schrecken für die Ostukraine

Selbst den Köpfen der parlamentarischen Opposition begegnete man mit Misstrauen: Sie waren zu sehr Teil des bestehenden Systems. Ganz besonders hat der Maidan den radikalen Nationalisten zugesetzt. Von ihren Ideen blieb unter dem Ansturm eines revolutionären Egalitarismus nicht viel übrig. Die ultrarechte „Swoboda“-Partei, die unter Wiktor Janukowitsch ins Parlament gelangt war, hatte nach dem Maidan fast jegliche Popularität eingebüßt, und das sogar im „nationalistischen“ Westen des Landes.

Den Menschen in der Ostukraine wiederum, die durch den Maidan ihren gewohnten Lebensstil bedroht sahen, jagte der radikale (nicht nur und nicht einmal vorrangig politische) Paradigmenwechsel hinsichtlich der Zukunft des Landes einen gewaltigen Schrecken ein. Dass es den Anführern der Protestbewegung nicht gelang, den Einwohnern des Donbass die Bedeutung und die wahren Ziele des Maidan näher zu bringen, hat für die Entstehung des dortigen Konflikts keine geringe Rolle gespielt. In diesem Punkt würde ich Olena Stepova widersprechen, die dafür hauptsächlich die prorussische Propaganda verantwortlich macht. Mir scheint, dass auch den ukrainischen Politiker und Medien Vorwürfe zu machen sind, die diesbezüglich zu wenig unternommen haben.

Ivan Yakovina ist ein Moskauer, der im westukrainischen Lwiw (Lemberg) lebt und in Kiew arbeitet. Er ist Auslandsredakteur und Analyst des Magazins „Nowoje Wremja“ und außerdem Leiter des Fernseh-Programms „Hromadske.tv auf Russisch“. Bis zum Frühjahr 2014 war er Redakteur beim unabhängigen russischen Internetmagazin lenta.ru. Er ging, als die Chefredakteurin entlassen wurde und das Magazin eine Kreml-nahe Leitung bekam.

Oleksandra Dvoretskaya
„Ich kann nicht in meine Heimat zurück


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In der Nacht zum 15. Februar befahl der Präsident der Ukraine, das Feuer einzustellen. Das wurde sogar live von CNN übertragen. Ich sah sofort bei Twitter nach: „Schachtjorsk – ruhig“, „Antrazyt – nichts zu hören“, „in Debalzewo ist es seit sieben Minuten still“, „Donezk – ruhig“ …

Auf sieben Minuten der Stille hatten die Menschen im Donbass ein halbes Jahr lang gewartet.

In Nachrichten aus meiner kleinen Heimat, der heute besetzten Krim, stoße ich ständig auf den Satz: „Dafür wird bei uns nicht geschossen“.

Das muss als Rechtfertigung für alles herhalten, was die neue Besatzungsmacht tut.

Ein Freund von mir, der Antifaschist Sascha Koltschenko, sitzt zusammen mit dem ukrainischen Regisseur Oleg Senzow seit neun Monaten im Untersuchungsgefängnis Lefortowo in Moskau. Man wirft ihnen vor, im Auftrag der „faschistischen Organisation ‚Rechter Sektor‘“ einen Anschlag vorbereitet zu haben. Ihnen drohen zwanzig Jahre Freiheitsentzug, weil sie die Krim als ukrainisches Territorium und sich selbst als ukrainische Bürger betrachten. Auf der Krim sagen viele, dass die russischen Strafverfolgungsbehörden es übertreiben, aber: „Bei uns wird nicht geschossen wie in der Ostukraine.“


Tausende gerieten in Gefangenschaft

Das Volk der Krimtataren, das die Deportation von 1944 überlebt hat und erst Anfang der neunziger Jahre, als die Ukraine unabhängig wurde, in die Heimat zurückkehren konnte, wird jetzt wieder verfolgt. Seit März 1944 läuft eine stillschweigende Deportation.
Ich kann nicht in meine Heimat zurück. Ich wollte die Krim nur für eine Woche verlassen. Seit März 2014 richte ich mich nun in Kiew ein. Wer denkt, das sei einfach, hat nie dergleichen erlebt. Man fängt an zu träumen – von vertrauten Straßen und Orten, dem Schwarzen Meer und sonstigem Unsinn aus dem vorigen Leben.

Ich verließ die Krim an dem Tag, als dort die ersten Aktivisten verschwanden. Meine Freunde Anatolij Kowalskij und Andrej Schtschekun wurden am 9. Mai 2014 von russischem Militär gefangen genommen. Das war damals furchtbar, heute scheint es normal. Von 38 Personen, die auf der Krim gefangen genommen wurden, kamen 34 wieder frei. Vier sind nach wie vor verschwunden. Im Donbass gerieten Tausende in Gefangenschaft. Wir wissen nur von einigen Hundert, die frei kamen.

In meiner Heimat wird nicht geschossen. Während ich dies schreibe, schweigen die Waffen im Donbass seit anderthalb Stunden.

Oleksandra Dvoretskaya ist eine Menschenrechtlerin aus Simferopol auf der Krim. Im März 2014 flüchtete sie nach Kiew. Dort arbeitet sie derzeit als Koordinatorin bei der Organisation „Wostok SOS“, die sich um ukrainische Binnenflüchtlinge kümmert.

Aus dem Russischen von Andrea Gotzes, n-ost


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