Literatur | Ukraine1

„Ich weiß ein Haus im Nirgendwo“

von Mirko Schwanitz, 21.09.2009


Neue Ukrainische Literatur ist eine Mischung aus Rock, Poesie und bisweilen psychedelischen Texten. Längst haben sich ihre Autoren von den Fußstapfen der orangenen Revolution entfernt. Taras Prohasko ist einer von ihnen.

Taras Prohasko und die Übersetzerin Olha Sydor / Mirko Schwanitz, n-ost
Taras Prohasko und die Übersetzerin Olha Sydor / Mirko Schwanitz, n-ost


Eine Reise zu Taras Prohasko

Am Fuße des Berges, auf dem sich unser Häuschen und der Garten befanden, verliefen Bahngleise. Da wir mit den Dingen schon Erfahrung hatten, gingen wir die Gleise entlang, immer weiter weg von unserem Haus. Bis dahin, wo auf beiden Seiten Wald war. Dort legten wir die Patronen auf die Schiene. Der Abendzug aus Rachiv kam heran, aus den Fenstern schauten Passagiere. Bei einer solchen Geschwindigkeit haben sechzig Patronen den gleichen Effekt wie ein Schmeissermagazin. Der Lokführer zog die Bremse. Sprang aus der Kabine und rollte sich in den Graben. Die Züge und Schienen waren Teil unseres täglichen Lebens. (aus: Taras Prohasko „Daraus ließen sich ein paar Geschichten machen“, Suhrkamp-Verlag, 2009)

Ich lese diese Zeilen in einem Buch von Taras Prohasko in einer Marschroutka, einem Kleinbus,  der sich mit seinem nach Außenborder klingenden Motor durch den wogenden Atlantik ukrainischer Felder kämpft. Ab und zu ragen Haltestellen wie Anlegestege aus dem Grün. Der Busfahrer trägt eine Schiffermütze und kassiert unwirsch das Geld. Ich höre, wie er einen alten Mann anraunzt, er müsse noch 65 Kopeken zahlen, das Geld, was er da in der Hand halte, reiche nicht einmal bis zum nächsten Dorf. Ich kann das Gesicht des Alten nicht sehen und stelle es mir zerfurcht vor wie die Karpaten, in die ich unterwegs bin und in denen ich das von Taras Prohasko beschriebene Häuschen finden will.

Inmitten der grünen Wellenkämme der Karpaten

Irgendwo im Nirgendwo, wo die Ozeane Transkarpatiens und Galiziens sich mischen, wo die grünen Wellenkämme höher und allmählich schroffer werden, steige ich aus. Hier trägt das Nirgendwo den Namen Deljatyn und liegt nahe bei Iwano-Frankiwsk. Doch die heimliche Hauptstadt der neueren ukrainischen Literatur, Gründungsort der legendären Gruppe Bu-BA-BU2 scheint nirgendwo weiter entfernt als hier, auf diesem Schotterweg, der sich über alte Bahngleise bis vor ein Tor schraubt, hinter dem Hühner gackern und zwei Hunde zu faul sind, den Fremden zu begrüßen. Ein Mann mit sonnenverbranntem Gesicht winkt und bietet mir Platz auf einer Treppenstufe an. Dort sitzen wir dann schweigend im Rauch seiner selbstgedrehten Zigaretten und lauschen auf die Züge, die durch seine Geschichten fahren.

Taras Prohasko, den der Literaturkritiker Oleksandr Boijtschenko den „Garcia Marquez der Ukraine“ nennt, zieht sich gern hierher zurück. Seine Erzählungen würden nie in Iwano-Frankiwsk, wo er als Journalist arbeite, sondern hier ihren Anfang finden. Lange habe er nach einer Erklärung dafür gesucht, warum das so ist: „Für alle Staaten, zu denen das Gebiet einst gehörte, war dieses Nirgendwo hier das Ende der Welt. Weil aber Menschen am Ende der Welt nie eine wirkliche Perspektive haben, führt das meiner Meinung nach zu einer merkwürdigen Form geistiger Freiheit. Denn wo man keine Perspektive hat, hat man auch keinen Zwang sich irgendwem, irgendeiner Macht, irgendeiner Karriere anpassen zu müssen. Und genauso waren die Menschen, die hier in diesem Haus lebten.“

Das Haus gehörte einst Prohaskos tschechischem Großvater. Und wie dieser hat sich auch Taras nie angepasst und vielleicht sind seine Erzählungen gerade deshalb voller liebenswerter Eigenbrötler, die das rigide Sowjetsystem ablehnen, sich im Schutz der Berge eine eigene Welt bauen und die Repräsentanten der fernen Macht zwingen, sich mit ihnen zu arrangieren. „Nur wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg hörte die Welt des alten Galizien auf zu existieren. Die Juden waren in der Asche des Holocaust verschwunden, die Polen zwangsumgesiedelt, das österreichisch-deutsche Element wurde ausradiert, die ukrainischen Intellektuellen umgebracht, ein paar Millionen Bauern, die sich als Ukrainer verstanden, wurden nach Sibirien deportiert. Statt ihrer kamen Millionen Menschen aus dem Osten der Sowjetunion in die Westukraine. Ich aber hatte das Glück in Deljatyn, auch in Ivano-Frankivsk unter Menschen aufzuwachsen, die alle noch zu dieser alten Welt gehörten. Vielleicht ist dieser Ort deshalb für mich eine große Inspiration. Die sowjetische Realität war in diesem Haus im Nirgendwo immer nur ein virtuelles Projekt.“

Prohaskos Figuren tragen den Klang der Welt von Bruno Schulz ins Jetzt und Heute

Neben Jury Andruchowytsch und Andrej Kurkov gehört Taras Prohasko zu den profiliertesten Schriftstellern der Ukraine. Im übrigen Europa ist er allerdings nur wenig bekannt. Prohasko verbrachte seine gesamte Kindheit in Deljatyn und Iwano-Frankiwsk. Dort wuchs er in der früheren Residenz eines Rabbis auf, deren Dach sich öffnen ließ, so dass man bei schönem Wetter unter freiem Himmel essen konnte. In der Wohnung seines Urgroßvaters befand sich während der Sowjetzeit ein geheimes Kloster. Geweihtes Jordanwasser, Osterbrot und gefärbte Eier gehörten für ihn so selbstverständlich zur Kindheit wie bei anderen rote Halstücher. Als nach dem Krieg viele Intellektuellen-Familien in der Westukraine ihre Privatbibliotheken verbrannten, gaben seine Großeltern vor, das gleiche zu tun.


Taras Prohaskos Haus (Foto: Mirko Schwanitz)

Wenn Güterzüge vorbeifuhren, zitterte das Haus. Besonders nachts war das zu spüren, das Bett vibrierte wie bei einem Erdbeben mittlerer Stärke. … Als es einundachtzig tatsächlich ein Erdbeben gab, war unsere Familie die einzige in Iwano-Frankiwsk, die in einem mehrstöckigen Wohnhaus keinerlei Reaktion zeigte. … Nur Tante Mira, deren Bett in einer tiefen Schlucht zwischen Bücherstößen stand, war sich sicher, dass nun eintreten würde, wovor sie sich immer gefürchtet hatte: dass es ein Erdbeben geben könne, bei dem sie unter ihren Büchern begraben würde. (aus: Taras Prohasko „Daraus ließen sich ein paar Geschichten machen“)


Egal ob sie Tante Mira, Onkel Mychas oder anders heißen, Prohaskos Figuren tragen den Klang und die Erinnerung der untergegangenen Welt eines Bruno Schulz ins Jetzt und ins Heute. Doch anders als die Erzählungen des spät wiederentdeckten jüdischen Autors, fehlt Prohaskos Erzählungen jede Melancholie. „Anders als Jury Andruchowytsch interessiere ich mich überhaupt nicht für historische Archäologie. Mich interessiert der Umgang eines Menschen mit der Vergangenheit. Und mich interessiert, um wie viel der Umgang mit dieser Vergangenheit wichtiger ist als die Vergangenheit selbst.“ Prohasko interpretiert nicht, er beschreibt, was er sieht. Schnörkellos unsentimental sind seine Bücher Meisterwerke des Lakonischen. Was bei den Historikern eine Periode des Mangels ist, bei Prohasko sind es Epochen löslichen Kaffees oder nichtausbezahlter Löhne.

Während der Autor Wein auf den Tisch stellt und sich die nächste Zigarette dreht, erinnere ich mich an eine Begegnung mit Ljubko Deresch. Wir saßen auf einer Wiese auf dem Hohen Schloss, jenem steil aufragenden Hügel, der jeden Nachmittag seinen Schatten über Lemberg wirft. Ljubko Deresch, Jahrgang 1984 und in Deutschland bekannt durch seine Romane „Die Anbetung der Eidechse“ und „Kult“, trug damals das Manuskript des inzwischen ebenfalls auf Deutsch erschienenen Romans „Intent – oder die Spiegel des Todes“ noch unfertig in der Tasche. Als ich ihn fragte, was ihm die Geschichten von Taras Prohasko bedeuten, antwortete er mir: „Für mich als sehr jungen Autor sind seine Geschichten und insbesondere sein Roman ‚Daraus könnte man ein paar Geschichten machen‘ wichtig, weil er darin einen für uns längst verloren geglaubten kulturellen Untergrund freilegt und klarmacht, warum die Sowjetzeit in diesem Humus keine Wurzeln schlagen konnte. Wer seine Erzählungen liest, dem wird plötzlich klar, warum die Impulse für eine neue ukrainische Literatur geradezu zwangsläufig aus dem Umfeld der Karpaten und Galizien kommen mussten. Moskau ist es in der Westukraine nicht gelungen, die Erinnerung an eine bürgerlich-humanistische Kultur und Bildung auszulöschen.“

Über das Erinnern an Dinge, an die man sich eigentlich nicht erinnern dürfte

Als ich Taras Prohasko frage, ob er eine Erklärung dafür habe, dass so wenige der ukrainischen Autoren aus dem Osten des Landes kommen, runzelt er die Stirn und deutet in Richtung Gorgany-Pass. „Da hinten, hundert Kilometer von meinem Haus, verläuft eine unsichtbare Grenze. Die Grenze zwischen dem Westen und dem Osten, dort beginnen die Steppen. Trotz aller Aussagen über die Einheit der Ukraine – die Berge und die Steppen charakterisieren zwei völlig unterschiedliche Denkweisen. Die Bewohner der Steppen hatten nicht den Schutz der Berge, sie waren dem Wind der Geschichte immer schutzlos ausgeliefert. Sie mussten sich anpassen, um zu überleben. Da gab es keine Winkel, Wälder, Täler in denen ein anderer Geist überwintern konnte. Da hinten treffen zwei Ränder aufeinander, der Rand des russisch-asiatischen und der des europäischen Kultureinflusses. Der eine ist eher durch Hegemonie und Gleichschaltung geprägt, der andere durch Vielfalt. Es ist wie mit der Erde. Monokulturen bringen kurzzeitig einen reichen Ertrag, dann verdorrt der Boden. Deswegen sind die Sonnenblumen auf den Feldern immer kleiner als in den Gärten, wo die Alten Bohnen zwischen die Blumen setzen. Ihre Wurzeln geben Stoffe ab, die die Sonnenblumen brauchen, um zu wachsen. Ich glaube, so ist das auch mit der Kultur. Hier in diesem Gebiet gibt es so viele Geschichten, dass man sie gar nicht alle in die Literatur transformieren kann, weil die Literatur diese Fülle gar nicht aushalten würde. Sie würde ganz einfach explodieren. Also bleibt mir nichts anderes übrig, als mir einige davon auszusuchen, mich zu beschränken. Das ist eigentlich das Schwierigste.“

Prohasko beobachtet und registriert. Sein Schreiben sei eine seltsame Sache, erzählt er. Er erinnere sich an Dinge, an die er sich eigentlich nicht erinnern dürfte. Und wenn er dann den Dingen auf den Grund gehe, stelle er immer wieder fest, dass es sich oft um Erlebnisse von Menschen handele, die zwar irgendwie zur Familie gehörten, die er jedoch nie kennengelernt habe.


Etwa ein Jahr nach dem Ungarnaufstand kam ein Verwandter zu Besuch, er war Offizier und auf Urlaub. Ein Festessen wurde bereitet. Irgendwann hob der Offizier das Glas, um einen Toast auf die Erfolge der ungarischen Kompanien auszubringen. Darauf wollte der Onkel nicht trinken und versuchte den Tisch zu verlassen und versuchte, den Tisch zu verlassen. Er saß an der Wand, eingekeilt zwischen anderen Gästen, die ihn nicht vorbeiließen. Da sprang er mit einem Satz auf den überquellenden Tisch, lief darauf entlang, ohne auch nur einen einzigen Teller, ein Glas oder eine Flasche zu berühren, sprang dann noch über jemanden hinweg und ging nach Hause.
(aus: Taras Prohasko „Daraus ließen sich ein paar Geschichten machen“)


“Irgendwann, erzählt Prohasko, entstehe ein Mahlstrom in seinem Hirn, wirbele alle möglichen Erinnerungen durcheinander, doch keine ließe sich packen. „Wenn der Druck im Kopf zu groß wird, komme ich hierher. Siehst du die Uhr dort? Sie ist in den 70er Jahren stehen geblieben. Ich glaube, dass sich in diesem Stehenbleiben die Magie dieses Hauses verbirgt. Denn alle Versuche, die Uhr zu reparieren sind gescheitert. Sobald sie wieder hier war, blieb sie stehen. Und so wie diese Uhr hier zur Ruhe gekommen ist, kommt hier auch der Mahlstrom in meinem Kopf zur Ruhe. Sobald ich die Schwelle übertrete, fällt alles von mir ab, ich habe keine Pläne mehr, keine Sorgen. Die Erinnerungen werden plötzlich klarer und dann lausche ich in mich hinein und ganz plötzlich denke ich: Daraus ließen sich ein paar Geschichten machen!

Taras Prohasko „Daraus ließen sich ein paar Geschichten machen" ist im Suhrkamp-Verlag erschienen.

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