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Alles überlagert von Patriotismus?

von Yevgenia Belorusets, 06.03.2015


Fünf ukrainische Autoren antworten jeden Freitag auf eine Frage, die die Künstlerin und Publizistin Yevgenia Belorusets ihnen stellt. Diesmal: Führt Patriotismus in der Ukraine zur Selbstzensur?


Illustration: Anatoliy Belov

Yevgenia Belorusets

Ausgangspunkt eines jeden Gesprächs über die Ukraine ist heute der Krieg, der mittlerweile nahezu alle Lebensbereiche durchdrungen hat.
Vor wenigen Tagen wurde in Russland der Oppositionspolitiker Boris Nemzow ermordet. Auch er fiel jener Kriegsmaschine zum Opfer, die in der Ukraine täglich Menschenleben vernichtet. Der Mord an ihm stellt einen beispiellosen Angriff auf die russische Oppositionsbewegung dar.

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Unterdessen kann man in der Ukraine nur noch in wenigen größeren Städten ganz in Sicherheit leben. Es ist noch keinen Monat her, dass Unbekannte in Odessa einen Anschlag auf die Wohnung eines Mannes verübten, der an diesem Publikationsprojekt mitwirkt – auf die des Dichters Boris Chersonskij. Wir hören auch von Anschlägen in Charkow und Kiew.

Alle diese Explosionen kann man als Terror bezeichnen, und sie sind von russischen oder prorussischen Kräften organisiert. Auf diese Weise versucht die heutige russische politische Zensur in einem fremden Land zu operieren.

Aber gibt es auch eine ukrainische Zensur oder eine Selbstzensur?

Können wir noch gegen den Strom reden und denken?

Oder ist der Krieg zu unserem inneren Zensor geworden, dem wir zuarbeiten, ohne uns dessen stets bewusst zu sein?

Anders gefragt: Droht eine „patriotische“ Selbstzensur zu vernichten, was Janukowitsch und sein Unterdrückungsapparat nicht bezwingen konnten?

Ivan Yakovina

„Ein Informationskrieg mit vielen Lügen“

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Immer häufiger müssen ukrainische Journalisten feststellen, dass die Freiheit des Wortes und der Information in ihrem Land spürbar ausgehöhlt wird. Nicht, weil etwa offizielle Stellen gegen unabhängige Medien vorgingen – das ist nicht der Fall. Das Problem liegt vielmehr in einem ausgeprägten gesellschaftlichen Bedürfnis nach guten Nachrichten – und in der unbewussten Bereitschaft vieler Medien, diese Nachfrage zu bedienen, und zwar teilweise unter Missachtung journalistischer Standards.

In der Medienlandschaft wird fortlaufend ein weltanschaulicher Konflikt ausgetragen. Die einen Journalisten beharren darauf, dass selbst unter den Bedingungen einer Aggression von außen uneingeschränkte Objektivität geboten sei, während den anderen für einen baldigen Sieg im Donbass jedes Mittel recht ist, Unehrlichkeiten im Informationskrieg nicht ausgeschlossen.


„Alles für die Front, alles für den Sieg!“

Der letztere Standpunkt scheint mir mit jedem Tag, den der Krieg dauert, mehr Anhänger zu gewinnen. Streng auf journalistische Ausgewogenheit achten und Wirtschaftsprobleme, Korruption oder die Inkompetenz offizieller Stellen thematisieren kann und darf man ihrer Meinung nach erst wieder, wenn der Krieg gewonnen ist. Bis dahin halten sie es für zulässig, in die Berichterstattung individuelle emotionale Wertungen einfließen zu lassen, offiziellen Verlautbarungen blind zu glauben und Tatsachen zu verschweigen, die geeignet wären, den Glauben der Bevölkerung an den militärischen Erfolg zu schwächen.

Mehr noch: Wenn Journalisten den Mut haben, über Korruption, Lügen der Regierungsstellen oder militärische Misserfolge zu berichten, wird ihnen häufig vorgeworfen, unpatriotisch zu sein, Panik zu schüren oder gar dem Feind zu dienen.
Was die Befürworter eines Informationskrieges antreibt, ist klar: „Alles für die Front, alles für den Sieg!“ Damit aber machen sie, ob gewollt oder nicht, eine äußerst bedenkliche „Flexibilität der journalistischen Grundsätze“ hoffähig. In Friedenszeiten könnte dies zu einer Gesellschaft führen, die jedes Vertrauen in die Presse verloren hat und keine freien und unabhängigen Medien mehr kennt. 

Ivan Yakovina ist ein Moskauer, der im westukrainischen Lwiw (Lemberg) lebt und in Kiew arbeitet. Er ist Auslandsredakteur und Analyst des Magazins „Nowoje Wremja“ und außerdem Leiter des Fernseh-Programms „Hromadske.tv auf Russisch“. Bis zum Frühjahr 2014 war er Redakteur beim unabhängigen russischen Internetmagazin lenta.ru. Er ging, als die Chefredakteurin entlassen wurde und das Magazin eine Kreml-nahe Leitung bekam.

Oleksandra Dvoretskaya

„Viele sind der Wahrheit überdrüssig“

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Mein Mann ist Journalist. In unserer jungen Familie gilt journalistisches Material niemals als Selbstzweck. Für uns ist dieses Material, sei es ein Foto, ein Video oder ein Text, nichts als ein Instrument, das wir nutzen, um die Wirklichkeit, in der wir leben, zu verbessern. Und das ist nicht damit zu verwechseln, dass wir nur „positive Nachrichten“ bräuchten. Was wir vor allem brauchen, ist die Wahrheit.

Mein Mann befand sich nicht weit von Debalzewo, als die ukrainischen Soldaten von dort abzogen. Er hielt nicht nur die Gefühle und Kommentare dieser Kämpfer auf Video fest, sondern auch die Zahl der Toten. Es waren 44. Die Soldaten führten sie mit sich.


Handeln, damit die Nachrichten sich ändern

Zu meiner Verwunderung verlor der Präsident der Ukraine kein Wort über diese Toten und spielte die Zahl der Opfer deutlich herunter. Noch erstaunlicher fand ich die Kommentare in den sozialen Medien, in denen es hieß, dass man die Toten im Internet nicht erwähnen solle, dass die Verwandten es so erfahren könnten, dass dies den Kampfgeist untergrabe. Wer die Wahrheit ausspricht, gilt als nicht patriotisch genug, wie auch Ivan Yakovina hier anmerkt.

Man kann versuchen, einen Schritt weiterzugehen und darüber nachzudenken, warum die Menschen die Wahrheit nicht hören wollen. Vielleicht sind sie des Krieges müde, so wie man sich zu Wahlkampfzeiten bisweilen erlauben mag, der Politik überdrüssig zu sein. Offenbar stellt sich unsere Lebensrealität heute so dar, dass man zeitweise gar nichts von ihr wissen will.

Aber wer die Wahrheit erfahren hat, der sollte, meine ich, auch handeln: an die Front gehen, den Freiwilligenverbänden Geld spenden, die Binnenflüchtlinge unterstützen, unentgeltlich im Lazarett mithelfen – kurz, dazu beitragen, dass die Nachrichten sich ändern. Ich habe Angst, sonst irgendwann nichts und niemanden mehr trauen zu können – nicht einmal den eigenen Augen.

Oleksandra Dvoretskaya ist eine Menschenrechtlerin aus Simferopol auf der Krim. Im März 2014 flüchtete sie nach Kiew. Dort arbeitet sie derzeit als Koordinatorin bei der Organisation „Wostok SOS“, die sich um ukrainische Binnenflüchtlinge kümmert.

Boris Chersonskij

„Ich habe keine Angst, zu sagen, was ich denke“

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Ich fühle mich frei von Selbstzensur. Das mag daran liegen, dass ich analytische Texte schreibe, während all die verzerrenden Darstellungen eher die Arbeit der Reporter betreffen. Dass die ukrainischen Massenmedien sich hysterisch gebärden, ist leider nicht zu leugnen. Aber das ist nichts als der schwache Versuch, den russischen Kollegen mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Boris Chersonskij, Dichter und Arzt aus Odessa, war zu Sowjetzeiten ein wichtiger Vertreter des Samisdat. Für seine russischsprachige Lyrik erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, auch in Russland. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Gedichtband „Familienarchiv“ (Wieser 2011). Anfang Februar dieses Jahres explodierte vor seiner Wohnung eine Bombe, die unbekannte Attentäter dort deponiert hatten.

Könnte der innere Zensor Zustände herbeiführen, die der äußere nicht zu erzwingen vermochte? Nicht, solange es das Internet gibt. Ausgewogenheit im Urteil ist das eine –Furcht, sich aufrichtig zu äußern, das andere. Ich habe keine Angst, zu sagen, was ich denke.

In den Nachrichten, die ich verfolge, fehlt es nicht an Appellen, Russland (oder, je nach Standpunkt, die Ukraine) in Stücke zu hauen und zu erdrosseln. Auch die Aufrufe, Napalm einzusetzen oder Menschen öffentlich aufzuhängen, sind nichts Neues. Vor dem Hintergrund der auch nach dem Minsker Abkommen fortdauernden Kampfhandlungen und schrecklicher Nachrichten wie zuletzt der vom Mord an Boris Nemzow kann all das nicht wirklich überraschen. Aber selbst in diesen schweren Zeiten muss doch irgendwer auf die Vernunft setzen!


Wir müssen viel Geduld haben

„Der Krieg in der Donbass-Region kann erst enden, wenn Russland aufgehört hat zu existieren – zumindest in seiner heutigen Form: als großes armes Imperium.“ Diese Aussage von Oleksandra Dvoretskaya aus unserer letzten Diskussionsrunde ruft in mir Protest hervor, und ich möchte dringend widersprechen. Zunächst einmal ist Russland durchaus kein isoliertes Land. Desweiteren wäre der Zusammenbruch dieses Landes (den ich in den nächsten Jahrzehnten nicht kommen sehe) eine schwere geopolitische Katastrophe. In den Trümmern, die übrig blieben, könnte es zu Bürgerkriegen derartigen Ausmaßes kommen, dass die Welt aller Chancen auf ein allgemeines Wohlergehen, vielleicht gar auf das nackte Überleben beraubt wäre. Wir dürfen eines nie vergessen: Der Zerfall einer Atommacht birgt eine globale Bedrohung in sich.

Wir sollten unsere Hoffnung darauf setzen, dass es in Russland zu demokratischen Reformen kommen und der militaristische Rausch allmählich verfliegen wird.

Auch in der Ukraine brauchen wir erst einmal mindestens drei Jahre friedlicher Entwicklung. Bis dahin wird das Ringen um vernünftige Entscheidungen schwierig bleiben.

Wir müssen unbedingt Geduld aufbringen. Es tut weh, das zu sagen. Aber wir haben keine andere Wahl.

Boris Chersonskij, Dichter und Arzt aus Odessa, war zu Sowjetzeiten ein wichtiger Vertreter des Samisdat. Für seine russischsprachige Lyrik erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, auch in Russland. Auf Deutsch erschien zuletzt sein Gedichtband „Familienarchiv“ (Wieser 2011). Anfang Februar dieses Jahres explodierte vor seiner Wohnung eine Bombe, die unbekannte Attentäter dort deponiert hatten.

Olena Stepova

„Hören die Politiker überhaupt zu?“

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Haben die Menschen in der Ukraine, hat die Gesellschaft, die sich heute formiert, eine Plattform, von der aus sie mitreden könnten? Ich denke: nein!

Sind die Politiker bereit, die Bürger anzuhören? Nein!

Stattdessen setzen einseitige Politshows immer wieder dieselben Gesichter in Szene. Foren für den Austausch zwischen Politikern und Bürgern gibt es nicht, und die aktuelle Berichterstattung folgt zunehmend dem Grundsatz: „Rede schlecht vom Feind und gut von den eigenen Leuten“. All dies könnte letztlich die Chance zunichte machen, eine neue und offenere Bürgergesellschaft aufzubauen.

Ich engagiere mich derzeit für die Gründung eines beim Präsidenten der Ukraine angesiedelten „Rates des gesellschaftlichen Vertrauens“, in dem nicht Staatsbedienstete und Politiker sitzen sollen, sondern Repräsentanten der Gesellschaft, der Berufsgruppen, der Wissenschaft, und für die Schaffung eines Internetforums, in dem über Initiativen der Regierung oder der Gesellschaft debattiert werden könnte.


Sind Politik und Behörden bereit zuzuhören?

Angesichts der derzeitigen Lage frage ich mich: Weiß der Präsident eigentlich vom Niedergang unserer Dörfer und Landwirtschaft? Weiß er, dass der Donbass-Region, in der heute Krieg herrscht, nicht nur eine humanitäre, sondern auch eine ökologische Katastrophe droht? Ist unseren Abgeordneten bewusst, dass erfahrene Fachleute den dringendsten Reformbedarf in diesem oder jenem Bereich mitunter besser einschätzen können als Staatsbedienstete, die in altgewohnter Manier schematisch Haushaltsmittel zuteilen?

In der Ukraine fehlt es nicht an Vereinigungen und gesellschaftlichen Initiativen, die bereit wären, am politischen Leben und an Entscheidungsprozessen jeder Art mitzuwirken. Aber sind Politik und Behörden bereit, sie anzuhören, wenn sie ihre Meinung nicht auf dem Maidan, sondern in einer Arbeitsbesprechung vertreten? Sind sie bereit, sachlich und ruhig zu bleiben, wenn sie Kritik und nicht nur patriotische Losungen anhören sollen?

Leider sehe ich dafür bisher keinerlei Anzeichen. Kritik zum Fortgang der Reformen und an der Regierung hört man heute allenfalls von Abgeordneten, die selbst zur politischen Klasse und den um die Macht konkurrierenden Gruppierungen gehören. Ich vermisse konstruktive Kritik, die aus der Gesellschaft kommt und der ich vertrauen könnte. Muss die ukrainische Gesellschaft etwa, um auch nur kleinste politische Veränderungen herbeizuführen, gleich den nächsten Maidan auf die Beine stellen?

Olena Stepova nannte sich vor dem Krieg noch russisch Jelena Stepanez. Sie lebt in Swerdlowsk, einer Stadt im Gebiet Luhansk. Seit Ausbruch des Krieges im Donbass betreibt sie mehrere Blogs, in denen sie ihre Beobachtungen über Stimmung und Befindlichkeiten der Menschen in der Ostukraine mitteilt.

Roman Dubasevych

„Die Ukraine braucht fähige Kritiker

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Es gibt Dinge, deren Erörterung derzeit in der Ukraine selbst schwer fällt, und im Ausland erst recht. Ist es richtig, um jeden Preis Territorien zu verteidigen und die letzten Gelder für Aufrüstung auszugeben? Wie sollten wir der Toten gedenken, damit es hilft, die nächsten Opfer zu verhindern, und Menschen nicht ein weiteres Mal traumatisiert werden? Welches seltsame Gefühl beschleicht uns, wenn wir hören, dass auf jeden toten ukrainischen Soldaten angeblich drei getötete Separatisten kommen? Was ist für die betroffene Bevölkerung das größere Grauen: sich im Separatistengebiet wiederzufinden oder unter Beschuss zu geraten?

Sich als „nützlicher Idiot“ zu erweisen, der die Ukraine kritisiert und damit Putin in die Hände spielt, ist in dieser Situation wohl der schwerwiegendste Vorwurf.


Eine Praxis des Verschweigens

Im Dezember arbeitete ich an einem Vortrag über den Kult der „Cyborgs“. So hat man die ukrainischen Verteidiger des Flughafens von Donezk genannt, weil sie ihn selbst dann noch hielten, als er bereits einer apokalyptischen Ruine glich. Das ganze Land feierte sie als Helden und den Inbegriff echter Männer. Kinder schickten ihnen Zeichnungen und wünschten ihnen, unversehrt heimzukehren, Komponisten schrieben Lieder über sie, und zu Hause wurden sie von jungen Frauen mit Blumen empfangen. Aber als das Wort „Cyborg“ auftauchte, kam in mir das Gefühl auf, dass das Leben dieser Soldaten nun in größerer Gefahr schwebe als zuvor. Es hing jetzt nicht mehr nur von den Entscheidungen wenig kompetenter Politiker oder Generäle ab, sondern von der Meinung einer ganzen Gesellschaft.

Wir klagen oft über die Elite unseres Landes und vergessen dabei, dass nicht selten wir selbst ihr unseren Willen aufzwingen: mit unserem gewaltigen Bedürfnis nach „positiven Nachrichten“ und einer Praxis des Verschweigens, von der auch Ivan Yakovina spricht.
Die Ukraine braucht nicht nur Verteidigung, sondern dringend auch fähige Kritiker, die uns helfen, uns selbst und die komplizierte Realität wahrzunehmen.

Roman Dubasevych, Kulturwissenschaftler aus Lwiw (Lemberg), hat in Regensburg und Greifswald studiert und derzeit eine Vertretungsprofessur an der Universität Greifswald inne. Er beschäftigt sich unter anderem mit Erinnerungskultur und Postmoderne.

Aus dem Russischen von Andrea Gotzes, n-ost

Die Reihe ist Teil des Projekts Stereoscope Ukraine. Die Texte erscheinen auf faz.net, colta.ru, Tygodnik Powszechny und Transitions Online

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